Wollarium

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Monday, October 26, 2015

Heidepulli für Herbsttage

Nach jahrelangem hingebungsvollem Sammeln von Shetlandgarnen will ich es jetzt wirklich wissen und habe eine ganze Reihe von Projekten mit eben diesen feinen, vielfarbigen, meist leicht melierten Garnen begonnen und widme mich tapfer den von mir so geliebten, aber so elend schlecht von der Hand gehenden Einstrickmustern. Das erste Modell, den Heidepulli - der so heißt, weil ich bei seinem Anblick immer an blühende Erika denken muss -- habe ich jetzt auch endlich fertig, und er hat das Zeug zu einem Lieblingspullover: Er ist schön leicht, trotzdem warm genug, ohne aufzutragen, und passt damit hervorragend unter jede Jacke - und er hat nur dreiviertellange Ärmel, da ich zu jenen Menschen gehöre, die auch an Sturmwindtagen und mit eiskalten Händen stets die Ärmel hochschoppen, weil die sonst ständig im Weg herumhängen ... Und natürlich liebe ich die Farben! Getragen sieht er dann ungefähr so aus:
Sieht zum Rock übrigens deutlich besser aus als zur Hose, was ja durchaus meinen Gewohnheiten entspricht :)

Raglan von oben, weil ich nicht wusste,
 wie weit das Garn reicht ....
Halsbündchen doppelt gestrickt - und zweifarbig: außen grün, innen Erika


Ärmelbündchen mit Mäusezähnen

Statt eines Bündchens ein mehrfarbiges Blattmuster
für eine etwas freiere, fließendere Form















Das rechts ist übrigens ein anderer Lieblingspullover: vor 25 Jahren gestrickt und immer noch unerreicht, was Farbe, Passform und Wohlgefühl angeht. Leider sieht er inzwischen auch so aus und bräuchte einen Nachfolger. Aber jetzt erstmal Einstrickmuster ....
Und ja: ich hab's im Moment mit den Herbstfarben. 


Fortsetzung folgt: Ich habe noch eine Jacke, zwei Paar Handschuhe und eine Mütze auf den Nadeln. Alles mit Variationen von Intarsienmustern und Shetlandwolle der feinen Art. Wie gesagt: Nach etwa jahrzehntelanger Vorlaufzeit will ich es jetzt wissen, ob wir uns nicht doch noch irgendwie stricktechnisch anfreunden können :)

Friday, October 23, 2015

Nimm eine Auszeit, lies ein Buch, nicht zwingend in Kiel


Es ist noch nicht lange her, da hätte ich mir nie vorstellen können, dass es einmal eine Zeit geben würde, in der ich keine Bücher lese.
Ich habe lesen gelernt, lange ehe ich in die Schule kam, und von da an las ich buchstäblich alles, was mir in die Finger geriet. Comics, Zeitschriften, Kochrezepte und Kalendertexte, aber vor allem natürlich Bücher. Ich las, wenn ich eigentlich Hausaufgaben machen sollte, ich las beim Essen (wenn gerade mal niemand da war, der etwas dagegen hatte) und natürlich unter der Bettdecke. Einmal scheiterte sogar eine Beziehung nicht zuletzt daran, dass ich vor dem Einschlafen las und den anderen das Licht störte. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, auf die Bücher zu verzichten.

Hach, Bücher! In fremde Geschichten eintauchen, andere Leben miterleben, und so viel Neues kennenlernen. Lernen eben. Eine unendliche, unerschöpfliche Welt.

Und dann, anfangs fast unbemerkt, ließ das nach. Es schien nicht mehr so viele gute Bücher zu geben, denn nur noch selten zog eine Geschichte mich so völlig in ihren Bann, wie ich es gewohnt war, das fand ich enttäuschend und beäugte den nächsten Band, den ich vielleicht kaufen wollte, doppelt misstrauisch. Dann war da noch die Lesebrille, die aus unerfindlichen Gründen eine störende Wand zwischen mich und mein Buch zu schieben schien - was vielleicht aber auch nur daran lag, dass es sich so schlecht mit dem Buch auf der Seite liegen ließ, wenn die Brille dann auf der Nase verrutschte und der Bügel am Ohr drückte ...

Und es gab das Internet. Überwältigende Mengen an Informationen auf kleinstem Raum, Nachrichten, Fakten, und auch Lebensgeschichten. Klicken, scrollen, überfliegen, hier und da festlesen, ein schneller Fluss, eine ständige Verfügbarkeit. Faszinierend. Ich gebe zu, ich bin ein Internet-Junkie.
Gelesen habe ich nur noch Sachbücher, die ich für den Job brauchte. Ganz, ganz selten verirrte sich einmal ein Roman dazwischen, und wenn, dann nie etwas wirklich Großes. Literarisches Fast Food.
Und wie bei Fast Food üblich, meldete sich zwischendurch das schlechte Gewissen: Das ist nicht gut. Das geht auch besser.

Im Sommer tat ich den ersten Schritt zurück in ein besseres Leseleben, zaghaft noch. Mit Fontane. "Der Stechlin". Stand schon seit Jahrzehnten hier im Regal, ungelesen, der Nachzügler einer eigentlich damals schon abgeschlossenen Phase. Ein Roman, in dem kaum etwas passiert, nur Menschen, die sich begegnen, sich wieder trennen, und dazwischen miteinander reden. Lange Gespräche, auf die die Leserin sich einlassen muss. Aber wunderbarerweise funktioniert das. Ganz plötzlich verschwindet die Hast aus dem Denken. Sich auf den langsamen Rhythmus einstellen, dem Tempo des Erzählens folgen, das ist wie Tai Chi - ein ruhiger, gleichmäßiger Fluss, der Körper und Geist gleichermaßen entspannt.
Ich habe den Roman nicht zu Ende gelesen, Ein Abgabetermin kam dazwischen, und andere Texte mussten gelesen werden. Aber ich war auf den Geschmack gekommen.

Jetzt war ich vor ein paar Tagen in Kiel. Nur als Begleitung, ich hatte überhaupt nichts zu tun dort, den Laptop hatte ich zu Hause gelassen für die paar Tage. Ich dachte, ich bummle ein bisschen an der Förde herum. Das Wetter war allerdings sehr norddeutsch - also grau und feucht, und meine Ausflüge führten nicht wesentlich über den nächsten Teeladen hinaus. In der kleinen Ferienwohnung aber war uns gleich ein großes Regal voller Bücher ins Auge gefallen, von denen ich einige schon lange mal lesen wollte, aber es natürlich nicht getan hatte. Vor diesem Regal richtete ich mich für zwei Tage ein. Mit einer großen Kanne Tee, einem Blick in den grünen Garten, und mit einem Buch.
Was soll ich sagen? Es war fantastisch. Ich weiß jetzt wieder, wie sich eine Auszeit nehmen lässt, ohne dass ich wegfahren müsste - sozusagen ein Wellnessurlaub an einem Nachmittag. Lesen. Etwas, das mich wirklich interessiert. Kein Fast Food. Lesen mit Tee. Tee schmeckt übrigens weitaus besser, wenn er auf dem Stövchen warmgehalten wird, als in einer Thermoskanne, das hatte ich inzwischen auch vergessen. Also Lesen mit Tee vom Stövchen. Vielleicht wieder in Kiel, muss aber nicht. Schlechtes Wetter haben wir in Berlin auch :)


Thursday, October 15, 2015

Ja, das Wetter ...


... ist kein besonders originelles Thema. Aber in rekordverdächtiger Geschwindigkeit ist es innerhalb weniger Tage Herbst geworden, und das ist ja irgendwie nicht so meine Lieblingszeit im Jahr. Natürlich ist ein sonniger Oktober wunderschön, wenn in den ersten Tagen des Monats allmählich das Licht weicher wird, warm und golden, ganz anders als die gleißende Helligkeit eines Sommertags am Mittag. Und wenn dann diese sanft schimmernden Tage vorbei sind, wenn morgens Nebelschwaden um die bunten Blätter an Hecken und Sträuchern wabern und schon an einen Spätnachmittag mit Wolldecke und heißem Tee auf dem Sofa denken lassen -- alles schön.

Wenn ich nicht wüsste, dass es von da an bergab geht. 

Irgendwann leuchtet das Laub nicht mehr bunt an den Bäumen, sondern kahle, schwarze Äste recken sich knorrig in einen fahlgrauen Himmel. Wenn es überhaupt bis Fahlgrau kommt. Und ich nicht an viel zu vielen Tagen morgens aufwache und überlege, ob die Sonne wohl noch aufgehen wird, vielleicht schon aufgegangen ist oder wir uns schon wieder auf dem Weg zur Abenddämmerung befinden ... Grau ist dann die Farbe der Saison, und Grau ist definitiv nicht meine Farbe. In keinem Kontext.

Daher hab ich im steten Kampf gegen die aufkommende Wintermelancholie nochmal die Kamera genommen und versucht, an Farbe einzufangen, was die Jahreszeit noch so zu bieten hat. Noch ist die (Wetter-)Lage nicht hoffnungslos, und ich gestehe, die Farben und das Licht spielen um diese Zeit des Jahres doch sehr schön zusammen. Oder?








Friday, October 9, 2015

Mal was Neues gestrickt ...

... und diesmal ziemlich spontan und aus besonderem Anlass: Der Sohn wurde volljährig, wünschte sich eigentlich nichts Besonderes, hatte auch genug zu tun und wollte aus diesem ganz bestimmten Tag deswegen kein großes Ereignis machen. Aber ein persönliches Geschenk sollte es doch sein, das ließ mir irgendwie keine Ruhe. Also entschied ich, ihm einen Pullover zu stricken.

Um die Tragweite eines solchen Beschlusses zu ermessen, ist es notwendig, sich in die Situation von jungen Menschen zu versetzen, die mit einer pausenlos strickenden, manchmal auch spinnenden und, seltener, nähenden Mutter groß werden - Garn ist eine omnipräsente Größe, mein Nachwuchs steigt, seit er den ersten Schritt machen konnte, selbstverständlich über gespannte Fäden und lose Wollknäule, findet es nicht ungewöhnlich, bunte Fadenschnipsel an jedem denkbaren Ort zu entdecken und  entfernt mir, wenn ich vorübergehe - "Moment, bleib mal kurz stehen" - ganz automatisch farbenfrohe Fusseln von Schulter, Arm oder Hosenbein. Eines aber habe ich ihnen erspart - sie wurden nur ganz selten bestrickt, und das ist auch schon sehr lange her.

Aber natürlich bleibt ein Aufwachsen mit Mamas farbenfroher Fadenwelt als Umfeld nicht ohne Einfluss.

Beim Sohn hat sich auf diese Weise ein minimalistischer Kleidungsstil entwickelt, sehr monochrom, sehr schlicht und ohne Extras, mit nur einem einzigen durchgängigen Stilmittel: immer sportlich. Ein Mao-Anzug hätte für ihn schon fast zu viele Details. So jemandem einen Wollpullover präsentieren zu wollen, das ist schon ein Wagnis.

Aber ich fand, es wäre Zeit, mit dem ersten offiziellen Schritt ins Erwachsenenleben doch mal etwas Neues vorzuschlagen. Schlimmstenfalls würde er ihn einfach nicht anziehen, aber doch hoffentlich die Geste zu schätzen wissen.

Selber machen bietet ja zum Glück die Möglichkeit, ein individuell angepasstes Sondermodell zu erschaffen. Wie also sollte ein Pullover sein für diesen jungen Mann? Schlicht sollte der Pullover sein. Klassisch. Ich entschied mich für ein Aranmuster, reduziert auf einen einzigen breiten Zopf vorn und hinten in der Mitte. Der potentielle Träger ist schlank, treibt aber sehr viel Sport, also war die Passform wichtig: schmal in Hüfte und Taille, daher auch kein Bündchen, nichts, was aufträgt oder beult. Nach oben hin etwas weiter werdend, damit die breiten Schultern einerseits positiv betont, andererseits bequem umspielt werden, deswegen überhängende Schultern und gerade Ärmeleinsätze. Da nicht mehr allzu viel Zeit bis zu dem großen Tag blieb, durfte das Garn nicht zu dünn sein, es wurde also das von mir sehr geschätzte Artesano Aran, mit dem sich ein ganzer Pullover bequem innerhalb weniger Tage stricken lässt. Das Garn ist durch den Anteil Alpaka außerordentlich warm und als locker versponnenes Alpaka-Woll-Mischgarn sehr weich. Trotzdem entschied ich mich, den Ausschnitt etwas halsfern zu arbeiten, damit auf keinen Fall etwas kratzen kann, es kommt ja eh ein T-Shirt darunter. Um farblich kein allzu großes Wagnis einzugehen, habe ich mich für ein sehr gedecktes Braun entschieden, und damit es zu den vielen schwarzen Basics passt, die es im nicht vorhandenen Kleiderschrank des Sohnes schon gibt, die Ränder abgesetzt mit schwarzem Seide-Kaschmir-Gemisch - vor allem am Hals trägt auch dieses sehr feine, glatte Garn noch einmal dazu bei, dass "es kratzt" kein Argument sein wird.

Leider sind die Bilder nicht so schön geworden, der Torso, der das Modell trägt, hat die falsche Größe, und hängend am Bügel wirkte der Pullover leider völlig formlos. Ihr müsst mir also einfach glauben, dass das Design recht gut geklappt hat.
Aber was das Wichtigste war: das Geburtstagskind war sehr angetan, hat - dem Kälteeinbruch sei Dank! - das Geschenk gleich angezogen, und stellte selbst fest, dass es eine Welt außerhalb von Sweatshirts und Hoodies gibt, die auszuprobieren sich lohnt. Unterstützt von der Meinung der großen Schwester, die schon immer fand, dass beim Bruder farblich und stilistisch in der Garderobe noch Luft nach oben ist, gibt's jetzt noch einen Pullover. Diesmal in der Farbe etwas mutiger - in einem schönen warmen Grün/Braun. Ich bastle noch etwas an Schnitt und Form herum, die Grundidee war okay, aber im Detail geht das noch besser. Beim nächsten werde ich mich um bessere Fotos bemühen :)