Wollarium

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Friday, July 31, 2015

Alte Zöpfe?


Der alte Zopf ist ab.
Das heißt, ich habe eine neue Frisur, oder eigentlich nur einen knappen halben Meter weniger Haar. Was eigentlich keinen Blogeintrag wert wäre, wenn ich dabei nicht ständig an die Sache mit den alten Zöpfen und deren Abschneiden denken müsste. Das hat mit den Überlegungen zu tun, die Michou wie immer sehr schön beschreibt, und die Zuzsa in ihrem Blog aufgreift: Was will ich, und wohin überhaupt?
Denn ich  hatte mir eigentlich vorgenommen, meine langen Haare zu behalten, und auch wenn sie mal schlohweiß sind, noch wallende Locken zu pflegen, gerade weil das noch immer ein seltener Anblick ist. Ab irgendeinem Alter haben Frauen nämlich keine wallenden Locken mehr zu tragen. Angeblich macht das alt, aber ich habe immer den Eindruck, dass sich das irgendwie auch nicht gehört. Früher war ein Mädchen erwachsen, wenn es sich das Haar aufstecken musste. So sehr viel weiter scheinen wir seither gar nicht gekommen zu sein, wenn ich mich so umsehe. Jedenfalls hat kaum eine Frau jenseits der 40 langes Haar. Abgesehen von einer meiner Tanten vielleicht - aber die ist etwas exzentrisch. Das bin ich nicht. Jetzt habe ich sie aber doch abgeschnitten - die Haare, nicht die Tante. So ist das mit den Plänen. Ich nehme mir etwas vor - und entscheide dann doch ganz anders.

Etwas exzentrisch bin ich aber wohl schon. Ich habe gern Kleidung, die nicht jede hat. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben. Angefangen hat das alles mit den Zeitschriften meiner Großtanten. Die waren, als ich sie entdeckte, schon sehr alt, diese hier ist von 1957. Da war dieses Kleid ...


Dieses Kleid hier wollte ich als Kind immer gern haben, auch wenn ich vermutlich nie einen Anlass gehabt hätte, es zu tragen. Egal. Ich hätte es damals sowieso noch nicht nähen können. Später, als Teenager, kamen dann die Röcke und Oberteile, die ich gern haben wollte, die es aber im Laden nicht gab. Mühsam von Hand gesäumte Tellerröcke und weiße Faltenröcke im Zwanziger-Jahre-Stil, weil meine alte mechanische Maschine nur ganz einfache Stiche konnte, nichts mit Zickzack. Irgendwann begann ich, Jacken aus den 30er oder 40er Jahren zu stricken, konnte die verkaufen, wurde gefragt, wie es kommt, dass ich so den Trend getroffen habe. Habe ich gar nicht, ich verfolge eine Idee und mache das, was mir gerade richtig erscheint. Und ab und zu streift der Trend mich. Manchmal aber auch nicht. Vintage ist so ein Trend, von dem ich meine, dass es ihn schon immer gab, aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Jedenfalls, Vintage-Mode ist durchaus meins.

Trotzdem ist es kein Gebot für mich, nur Vintage Mode zu tragen, oder gar nur Mode aus einer bestimmten Epoche. Ich habe auch das eine oder andere Stück, das ich einfach so von der Stange gekauft habe. Aus meiner Zeit als Studentin gibt es Fotos, auf denen ich aussehe wie die Schwester von Mary Poppins, inklusive Hut und Schnürstiefeletten, frisch aus der Zeit kurz nach Queen Victoria.





















Oder, frei nach Louise Brooks und "Beggar's Of Life", wenn ich mich recht erinnere - die Hose war übrigens nur knielang, und dazu gab es ebenfalls Schnürstiefelchen.

Ich hatte aber auch lange Lederhosen und schwarze Minis zu lila oder rotkarierten Strumpfhosen. Ein großer Fan von Jeans bin ich allerdings nie gewesen, und Sweatshirts habe ich nur für den Sport.

Allerdings finde ich es zunehmend schwerer zu erkennen, was zu mir passt und was nicht. Die Jahre mit Familie und Kindern haben wenig Zeit gelassen, den eigenen Veränderungen zu folgen und ein klares Bild von mir selbst zu behalten. Mit den vielerlei Alltagsdingen beschäftigt, verging mehr Zeit, als mir bewusst war - und hoppla, auf einmal bin ich hier. So musste ich quasi ein Leben lang darauf achten, nicht zu dünn zu werden, und habe erst nach dem 40. Geburtstag regelmäßig mehr als 50 kg bei einer Größe von 166 cm auf die Waage gebracht - die Schwangerschaften mal nicht gerechnet, aber da waren wir ja auch immer zu zweit. In den letzten Jahren musste ich mich daran gewöhnen, dass sich das verändert. Etwas mehr Gewicht gefällt mir an mir - nur ist das nicht das Ich, an das ich mich über Jahrzehnte gewöhnt hatte. Jedenfalls nicht äußerlich. Innerlich verändert sich komischerweise erstaunlich wenig. Eine unerwartete Beobachtung, aber ich werde auch zum ersten Mal älter.

Zum Glück stehe ich damit ja nicht allein. In Deutschland gab es die so genannten geburtenstarken Jahrgänge, die reichten bis 1969, der Jahrgang mit der höchsten Babyanzahl war 1964. Eine große Menge Menschen wird also demnächst 50 oder ist es schon. Wird das Auswirkungen haben auf den Jugendkult? Das werden wir sehen. Definitiv gibt es Veränderungen, und es ist interessant, das nicht allein zu erleben. Da es so viele Menschen in dieser Altersgruppe gibt, setzen sich auch so viele mit dem Älterwerden auseinander, jeder auf seine eigene Art.

Ich finde zum Beispiel interessant, dass so oft der Satz zu lesen ist: Ich möchte nicht nochmal jünger sein. Diesen Satz habe ich immer wieder hin und her gewendet, bis ich ganz sicher sein konnte: also, ich schon. Ich wäre gern nochmal jünger. Ich wäre nicht gern noch einmal 15 oder 17 - niemand von klarem Verstand möchte nochmal ein Teenager sein, jedenfalls kenne ich niemanden. Aber 25 oder 35 würde ich sofort nehmen. Und nicht etwa mit dem Zusatz, den meine Mutter bei solchen Überlegungen immer verwendete: Aber nur mit dem Wissen von heute. Nein, ruhig ohne das. Und ich würde nicht mal etwas Wesentliches anders machen wollen. Ich hätte nur gern nochmal mehr Zeit. Wenn ich wirklich etwas ändern könnte, dann würde ich die Dinge leichter nehmen. Diese Art von Leichtigkeit hat nichts mit Leichtsinn zu tun oder Leichtfertigkeit. Nur werden Dinge mit den Jahren einfach schwerer, schwergewichtiger, existentieller. Jetzt muss ich alles also leichter nehmen, sonst würden ich erdrückt werden. Damit hätte ich schon viel früher anfangen sollen ... aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Also, die Haare sind ab, obwohl ich das eigentlich gar nicht vorhatte. Mal sehen, was als nächstes kommt ...

Wednesday, July 22, 2015

Geschichten vom Sommerstrick: Ein Shetlandpullover - vielleicht ...

Ich stricke meine Winterpullover ja bevorzugt im Sommer, auch wenn das Garn dann gern mal an den Fingern pappt. Bis zu 32 Grad Außentemperatur ignoriere ich das einfach. Das liegt zum einen daran, dass ich die Teile ja im Winter anziehen will, deswegen müssen sie bis zu den kalten Tagen fertig sein, zum anderen daran, dass im Sommer einfach nicht so viel im Geschäft zu tun ist und ich daher die Muße habe, etwas Neues zu probieren, oder, wie in diesem Fall, etwas nur für mich selbst zu stricken, nur so aus Spaß.
Und schon fangen die Schwierigkeiten an ...
Im Moment ist Shetlandwolle mein Problemkind. Ich liebe dieses Garn sehr. Ich mag, wie es sich anfühlt, ich mag die intensiven Farben, sogar den Geruch. In meinem Fundus finden sich ein ganzes kleines Sortiment der allerschönsten Töne verschiedener Hersteller - nur weiß ich nie so ganz genau, was ich damit eigentlich machen will.

Das Garn ist ja ideal für Intarsienmuster, und ich mag Intarsienmuster, nur mag ich sie nicht stricken. Wenn das Shetlandgarn dicker ist, sieht es mir zu grob aus, wenn es feiner ist, ist es zu fein - bis ich mit Nadelstärke 2 einen Pullover fertig habe, ist Weihnachten nächsten Jahres. Ich weiß nicht, wie viele angefangene Projekte mir diese Shetland-Garne schon beschert haben. Fertig wurde bisher nur eine einsame Mütze.

Jetzt endlich - endlich! - hab ich aber ein Projekt angefangen, das über die ersten Reihen hinaus ist, und das mir rundum gefällt. Shetland-Garn in Fein, von Helle Holst in Dänemark, doppelt genommen.

Im Hauptteil Moosgrün und Erikafarben zusammengenommen, das kleine Intarsienmuster - so viel schaffe ich gerade noch - mit doppelt genommenem dunklerem Lila und doppelt genommenem Erika und Moos. Das Ganze in Raglan, damit ich mich möglichst wenig mit Nähten aufhalten muss - soll ja ein Entspannungsprojekt sein. In Wirklichkeit sieht es übrigens viel schöner aus. Satte, intensive Heide-Farben. Lebhafter Herbst.

So weit, so schön. Nur habe ich jetzt festgestellt, dass das das Garn nicht reichen wird - kaum zu glauben, aber wahr. Und dass ich die Banderolen nicht mehr habe. Seit ich es bestellt hatte, sind mehr als zwei Jahre vergangen, und ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, wie diese Farben offiziell heißen. Auf der Webseite von Helle Holst gibt es pro Farbe mindestens jeweils drei Garne, die zu meinen Farbtönen passen könnten. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alle zu bestellen. Erwähnte ich, dass ich Shetlandwolle mag und schon einiges davon besitze ...?


Jetzt brauche ich nur noch eine Idee, wie ich den Pullover fertigstelle, wenn nichts davon die richtige Farbe sein sollte. Das sieht mir nach einer weiteren Intarsienborte und einem Kontrastbündchen aus. Leider muss ich jetzt erstmal warten, bis das Garn da ist. Helle Holst hat noch ein paar Tage Sommerurlaub. Das kann alles noch dauern. Bis dahin bekomme ich hoffentlich eine Eingebung ... Fortsetzung folgt. Hoffentlich ...

Sunday, July 19, 2015

Reviews on Etsy - oder warum Bewertungen nicht überbewertet werden sollten

Heute ist es offenbar an der Zeit für mich, mich mit den Reviews oder Bewertungen bei Etsy auseinanderzusetzen, was mich nun schon seit einiger Zeit plagt. Vorsicht - ein langer Text, und vermutlich nur für Menschen interessant, die irgendeine Beziehung zu Etsy haben ;)



Bewertungen spielen bei Etsy eine große Rolle. Im Gegensatz zu anderen Plattformen sind hier die meisten 5-Sterne-Bewertungen. Es gibt Shops mit Hunderten von Verkäufen, bei denen sich keine einzige Bewertung findet, die weniger als 4 Sterne aufweist. Beeindruckend. Das war der Maßstab, an dem ich mich gemessen habe, seit ich meinen ersten Shop eröffnet habe.
Inzwischen, einige Jahre und ungefähr anderthalbtausend Bewertungen später, sehe ich das etwas differenzierter.
Wer es noch nicht weiß - ich habe einen Etsy-Shop, zwei sogar, einen seit 2008, einen seit 2013 (und noch einen bei Dawanda). Und seither bemühe ich mich um den bestmöglichen Service für meine Kunden - oder besser, Kundinnen, denn geschätzte 90% derer, die etwas bei mir bestellen, sind Frauen. Kundenservice steht dabei an erster Stelle. Nicht nur, weil das deutsche Gesetz dem Kunden sehr viele Recht einräumt und ich dazu verpflichtet bin, sondern auch, weil mir ein ausgezeichneter Umgang mit Kunden wichtig ist, das ist im Handel einfach das A und O. Das ist nicht nur bei mir so, sondern auch bei allen anderen Online-Shop-Betreibern, die ich kenne. Wer selbst online handelt, weiß nur zu gut, dass das viel Arbeit macht, viel mehr, als von außen zu erkennen ist. Und natürlich möchte ich, dass sich das auch in den Bewertungen ablesen lässt. Sehr gute Bewertungen sind es, die angestrebt werden, schlechte Bewertungen sind der Alptraum, der Super-Gau für jedes Online-Geschäft. Aber es gibt sie nun mal. Irgendwann passiert es, quasi aus heiterem Himmel. Irgendwann öffnet die ahnungslose Shopinhaberin ihre Startseite - und da prangt sie, deutlich für jeden sichtbar: eine schlechte Bewertung.

Wie konnte das passieren?

Eigentlich ist es vor allem erstaunlich, dass es nicht viel öfter passiert. Inzwischen habe ich nämlich selbst erlebt, dass Hunderte von guten Bewertungen nicht bedeuten, dass in einem Shop alles glatt läuft. Es gibt durchaus Auseinandersetzungen, wenn auch selten, aber die finden in der Regel nebenher statt, dann nämlich, wenn die Kundin die Shopbesitzer direkt anschreibt. Weil ihr die Ware nicht gefällt, das Kleidungsstück nicht passt, sie wochenlang warten muss, während ihr Paket irgendwo auf der viele tausend Kilometer langen Strecke an einem Knotenpunkt festhängt und dann zum Geburtstag oder zur Hochzeit nicht rechtzeitig ankommt. Oder weil unterwegs etwas kaputtgegangen ist. Oder weil sonst irgendetwas nicht stimmt. Und es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall. Enthusiastische, begeisterte Kunden, die eine Nachricht schreiben, wie gut der Stoff oder die Vorhänge passen und Fotos schicken, aber eben ihre Freude nicht in einer Bewertung ausdrücken. Immerhin weiß ich dann, dass ich alles richtig gemacht habe. Kommt alles vor.

Da gibt es nichts, was es nicht gibt

Beispiele, was alles passieren kann? Eine meiner ersten Bestellungen, Anfertigung einer besonderen Brautstola, die ich dann tatsächlich - und das kommt selten vor - am liebsten behalten hätte. So ein Traumteil, wirklich: üppig groß, dabei federleicht, wunderschöner Farbton und hochfeines Material. Die Kundin aber schrieb: Das wäre ja nun überhaupt nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Hm. Was sie sich vorgestellt hatte, habe ich nie erfahren, denn wenig später schrieb sie, dass sie die Stola nun doch nicht zurücksendet, weil sich ihre beste Freundin sofort darin verliebt und sie ihr abgekauft hätte. Happy End für alle Beteiligten.
Dann gab es da noch die Kundin, die eine Strickjacke nach Maß anfertigen ließ und, da die Herstellung und der Versand nach USA zusammen ein paar Wochen dauern, schon mal vorsorglich bei paypal einen Fall eröffnete, da die Fristen dort sonst überschritten und sie gegebenenfalls ihr Geld nicht zurückbekommen könnte, falls ihr die Jacke nicht gefiel (sie hat ihr gefallen, und irgendwann bekam ich dann auch mein Geld ...).
Die Kundin, die eine Ein-Stern-Bewertung hinterließ mit der Anmerkung, die gekaufte Strickanleitung würde nur unleserliche Zeichen enthalten - wir kamen der Sache schnell auf sie Spur: sie hatte die pdf-Datei im falschen Format geöffnet, und nahm die Bewertung dann sofort zurück, froh, etwas dazugelernt zu haben.
Manchmal werden Beschreibungen nicht gelesen, Fotos gar nicht richtig angesehen, und dann gab es die Kundin, die eine Schreibmaschine gekauft hatte, aber nicht die leisteste Ahnung hatte, wie so ein mechanisches Ding funktioniert ... überhaupt Schreibmaschinen - im Versand meine zerbrechlichsten Teile. Hier hatte ich meinen ersten Totalschaden - eine solide Büroschreibmaschine, die auf dem Weg nach Singapore exakt in der Mitte durchgebrochen war. Die Kundin war sehr verständnisvoll, hat netterweise den Schaden bei der Post gemeldet. Der bisher einzige Fall, in dem DHL mir eine Erstattung leisten musste und das auch getan hat.
Und ja, ich mache auch Fehler - zum Glück außerordentlich selten, aber es kam schon vor. Ich habe mich schon vermessen, einen Webfehler nicht bemerkt, das versprochene Farbband nicht beigelegt, sondern erst einen Tag später eilig hinterhergeschickt, und ich warte noch auf den Tag, an dem ich Adressaufkleber vertausche und das Paket für die USA nach Japan geht oder umgekehrt. Der Tag wird kommen, davon bin ich fest überzeugt ... Ich werde das nicht verhindern können. Ich bin ein Ein-Frau-Unternehmen, Fehler passieren, egal, wie sehr ich mich anstrenge.

Die Kunst des Deeskalierens

Da ich das weiß, stehen in all meinen Kaufbestätigungen freundlichst und ausführlichst die Hinweise, dass, wenn etwas nicht so ist, wie erwartet, wir mit Sicherheit eine Lösung finden werden - eine kurze Nachricht genügt. Was zum Beispiel noch antik, aber stilvoll, und was einfach nur alt ist, da können die Meinungen weit auseinandergehen, ich bin die Erste, die das auch so sieht.
Die meisten Kunden kontaktieren mich bei einer Beschwerde dann auch direkt, auffallenderweise meistens sehr sachlich und knapp, offenbar abwartend, was ich als nächstes sage. (Gelegentlich vergisst aber auch mal jemand, dass ich nicht mit Absicht den Karton zertrümmert habe - oder was auch immer passiert sein mag - und vergreift sich  im Ton. Das trifft mich durchaus, denn - hej, für die meisten Pannen kann ich wirklich nichts!) Und ich habe gelernt zu reagieren. Zum Beispiel habe ich es mir zum Gesetz gemacht, nie sofort auf eine Beschwerde zu antworten. Ich gehe erst einmal um den Block,  zumindest mental, und mache irgendetwas ganz anderes, bis ich wieder absolut sachlich schreiben kann, auch wenn eine Beschwerde ungerechtfertigt ist oder gar unverschämt formuliert. Das ist in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, doppelt schwierig. Die meisten meiner Kundinnen kommen nämlich nicht aus Europa, noch weniger aus Deutschland. Mit Abstand die meisten Pakete werden in die USA verschickt, einige auch nach Japan, Australien, Neuseeland und andere weit entfernt liegende Gegenden. In jedem Land gibt es eine eigene Kultur, einen eigenen Umgangston, eine besondere Höflichkeit. Und ich bin ein kleines bisschen stolz darauf, es inzwischen zu einer kleinen Meisterschaft in Deeskalation gebracht und in den meisten Fällen gemeinsam mit der Kundin eine Lösung gefunden zu haben, wie aufgebracht die Stimmung am Anfang auch gewesen sein mag. Ich liefere Ersatz, wenn möglich, ich nehme zurück, wenn nötig, ich erstatte teilweise oder ganz, wenn etwas nicht zu gebrauchen ist, ich habe mir auch schon mit Kunden Reparaturrechnungen geteilt, weil - hier ist sie wieder - zum Beispiel die Schreibmaschine nach der langen Reise in ihrer sensiblen Mechanik eine Macke hatte oder ein Ersatzteil benötigte. Und trotzdem - trotzdem! - läuft nicht immer alles rund. Das ärgert mich vor allem dann, wenn ich meine, dass das System noch etwas verbessert werden könnte.


Der Kunde hat immer Recht - aber ich deswegen nicht immer Unrecht

Denn natürlich schreibe ich das alles hier auf, weil es mich jetzt auch erwischt hat und nach jahrelangem Glück eine Pechsträhne an mir haftet, die mich bereits zu der Bemerkung veranlasste, dass ich Sendungen in die USA eigentlich auch gleich in die Tonne werfen könnte - das würde mir die Arbeit mit dem Auspolstern, Verpacken, Verkleben, Frankieren und Versenden ersparen. Und ja, ich ärgere mich immer noch über schlechte Bewertungen. Aber auch über das Bewertungssystem, das leider nicht sehr verkäuferfreundlich ist.
Ich komme also auf die ganz oben schon mal erwähnte Startseite, lese die Bewertung und sehe, dass etwas schief gegangen ist, ohne dass mich jemand direkt kontaktiert hat. Macht nichts, ich schreibe die Kundin an und biete verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Wann sie darauf antworten wird und ob überhaupt, weiß ich nicht, aber so lange sie darauf nicht reagiert, steht die Bewertung einfach da. Ich könnte darunter eine Erwiderung schreiben, die professionell und klärend sein kann, doch kann die Bewertung dann nicht mehr editiert werden, selbst wenn die Kundin und ich zu einer Übereinkunft kommen. Also bleibt nur abzuwarten, notfalls auch ein paar Wochen. Aber - und das ist das eigentlich Absurde: selbst wenn wir vereinbaren, dass ich den gesamten Kaufpreis erstatte, der gesamte Kauf gecancelt, also rückgängig gemacht wird, nicht mehr in der Anzahl meiner Verkäufe gelistet wird und es überhaupt so aussieht, als hätte es diesen Verkauf nie gegeben, wird die Bewertung bei Etsy nicht automatisch mit entfernt. Unter Umständen bleibt die schlechte Bewertung weiterhin bestehen, bezieht sich vielleicht sogar auf einen Gegenstand, der, weil inzwischen wegen Nichtgefallens zurückgeschickt, wieder verkauft und mit einer neuen - hoffentlich positiven - Bewertung versehen wurde. Was bedeutet, dass es unter Umständen vollkommen egal sein kann, wie entgegenkommend die Inhaberin eines Etsy-Shops ist - wenn eine schlechte Bewertung steht, dann steht sie, daran ändert noch so viel Kundenfreundlichkeit nichts. Was wiederum bedeuten kann: Ist die Bewertung bereits abgegeben, hat es quasi keinen Nutzen mehr für einen Verkäufer, auf eine Kundenbeschwerde mit Kulanz zu reagieren. Das kann unmöglich in Etsys Sinn sein.

Fazit: Es gibt also einfach Situationen, die lassen sich auch mit dem größten Einsatz nicht lösen. Früher hätte ich darin den Untergang meines persönlichen Geschäftsuniversums gesehen. Das ist, zum Glück, inzwischen anders. Nach vielen hundert Bewertungen habe ich endlich begriffen, dass das Bewertungsschema auch viel mit Glück zu tun hat. Erstaunlich lange passiert überhaupt nichts. Und dann kommt eine Pechsträhne. Das ärgert mich dann trotzdem (wie man hier lesen kann ...). Aber dem ist einfach nur mit Weitermachen beizukommen, mit schönen neuen Artikeln, neuen Projekten, frischen Ideen. All den vielen unglaublich liebenswürdigen Kundinnen und Kunden. Irgendwann rutscht das alles nach hinten. Im Shop, und in meinem Kopf. Es ist nämlich immer noch genau das, was ich machen möchte - wenn auch lieber ohne Ärgern ;)

Wednesday, July 15, 2015

Hippiekleid für den Herbst - endlich gefunden! Wenn da nicht ...


So schön ich viele andere Stile finde, es kristallisiert sich immer mehr heraus, das mein bevorzugter Kleidungsstil ein moderater Hippielook ist. Nicht, weil ich diese Zeit so toll fand, wie ich ja überhaupt keine "Lieblingsepoche" habe. Aber ich mag die fantasievolle Mischung aus Altem, Neuem und Boheme, und ich mag vor allem Kleider. Gern auch die längeren, die sich gut mit Stiefeln oder verschiedenen Sandalen, flach oder mit geflochtener Sohle oder was auch immer gerade angemessen ist, kombinieren lassen.
Dieser mein Modegeschmack hat schon manchmal zu Komplikationen geführt. Vor zwei Jahren traf ich mich mit einer Freundin zu einer größeren Australientour in Perth, wo wir starten wollten - sie reiste aus San Francisco an, ich aus Berlin. Egal, ob beim Umsteigen in Singapore oder beim Einreisen in Western Australia - ich wurde aus der Schlange der Wartenden herausgewunken und durfte meinen Koffer extra wiegen und durchleuchten lassen und meinen Pass besonders überprüfen (von, um Missverständnissen vorzubeugen, ausnahmslos sehr freundlichen dort arbeitenden Menschen). Als ich mich, endlich im Hotel angekommen, bei der Freundin über die Verzögerungen beschwerte, meinte sie nur ganz trocken: Hast du heute schon mal in den Spiegel geguckt? Bunter, weiter Rock in Kombination mit Schnürstiefeln (die Wanderstiefel nahmen im Koffer einfach zu viel Platz weg) und langen Zöpfen (Knoten oder Zopf hinten drückt im Flieger, und offenes Haar geht auch nicht) bei einer Frau, die das Schulmädchenalter weit hinter sich hat, erwecken offenbar zuweilen einen Eindruck, der von meiner doch sehr bürgerlichen Existenz ziemlich weit entfernt liegt ...

Jedenfalls, Kleider und Röcke für den Sommer in Fantasievoll und Bunt zu finden, ist kein Problem, aber etwas Wärmeres, das nicht vollkommen den Folklorestil (Peasant Dress) verkörpert, der mir inzwischen zu kindlich-mädchenhaft ist, war bisher fast unmöglich. Und wenn es mal etwas gab, dann in einer Größe, die mir kaum in der Blüte meiner zierlichen Jugend gepasst hätte, geschweige denn jetzt (Größe 32-34 habe ich nie getragen, und ich bin wirklich ein Ausbund an Schlankheit gewesen). Bis ich dieses Kleid entdeckt habe. Ein älteres Original, weicher, nicht allzu schwerer Baumwollsamt, und in einer Größe, die sich wunderbar auch einer erwachsenen 38 anpasst. Und die Farben harmonieren hervorragend mit meinen roten Haaren und dem Sommersprossenteint. Was sich mir allerdings überhaupt nicht erschließt, ist, und das ist der Haken an meinem Traumstück, warum dieses Kleid so schmale Armlöcher hat, dass die Trägerin fast überhaupt keine Bewegungsfreiheit hat. Jetzt überlege ich, ob sich das irgendwie ändern lässt ... die Naht unten öffnen und etwas Stoff einsetzen? Ich bin noch nicht bereit, dieses Kleid kampflos aufzugeben, habe aber auch noch keine wirkliche Lösung gefunden .... :(


Fotos mit mir drin gibt es, sobald ich es geschafft habe, den Fernauslöser zu bedienen, ohne dabei so erschrocken auszusehen und das Bild prompt zu verwackeln ....

Friday, July 10, 2015

Hollywoods Kostüme oder Was macht Glenn Miller in den 50er Jahren?


Es gab einmal eine Zeit, da habe ich viel Swing Musik gehört: Count Basie, Benny Goodman, Glenn Miller ... Dann kamen andere Dinge, aber den eigentlich schon vergangenen Stilen bin ich ja durchaus treu geblieben, nicht nur in der Musik. Und seit ich nun ein paarmal Filmkostüme stricken durfte - also, das, was davon Strickkleidung ist - achte ich ganz automatisch viel mehr auf Kostüm und Ausstattung, als ich das vorher getan habe.

Um auf den Punkt zu kommen: Vor ein paar Tagen habe ich mir "The Glenn Miller Story" angesehen, mit James Stewart in der Titelrolle. Irgendwann in grauer Vorzeit hatte ich den schon mal gesehen, konnte mich aber nur noch vage an die Musik und eine Liebesgeschichte erinnern. Die Liebesgeschichte ist tatsächlich das, was den Film strukturiert: Die zwischen James Stewart alias Glenn Miller und June Allyson als seine Frau Helen. Und drumherum entwickelt sich der kleine Musiker Glenn zu dem Mann, der den einmaligen Stil der Glenn-Miller-Band so weltbekannt machte.

Die Handlung setzt ein, wenn die geneigte Zuschauerin das richtig konstruiert hat, in den Zwanziger Jahren, als der junge Glenn wenige Jahre nach seinem Abschluss seine Jugendliebe wiedertrifft, und wird dann fortgesetzt, als man in Harlem den Gin noch aus Tassen trank. Das müsste dann gegen Ende der Prohibitionszeit gewesen sein. Die immer noch geneigte Zuschauerin bemühte für diese Information, was selten vorkommt, das Lexikon, um nicht extra das Internet zu befragen: die Prohibition endete 1933, passt also. Etwas später stellen sich beim umtriebigen Musiker erste Erfolge ein - die Kennerin erinnert sich, dass das Ende der Dreißiger Jahre gewesen sein muss -, etwas später zieht der Held der Geschichte in den Krieg - um 1940 - und schließlich verschwindet sein Flugzeug mit ihm an Bord auf der Strecke zwischen London und Paris irgendwo im Kanal, damit müssen wir im Dezember 1944 sein.

Ich weiß nicht, ob es aus meinen Formulierungen bereits zu erkennen ist: Die "Glenn Miller Story" deckt einen Zeitraum von ungefähr 15 Jahren ab, versteht das aber recht geschickt zu verbergen. Dieser Film vollbringt nämlich das Kunststück, den Zeitenwechsel überhaupt gar nicht in den Kostümen zu zeigen. June Allyson trägt fast den ganzen Film über einen Stil, der ganz entschieden an Diors New Look erinnert: die weiten Röcke mit den vielen Petticoats, die schmale Taille, die Schuhe mit den hohen, schmalen Absätzen - alles perfekter 50er-Jahre-Stil, vollkommen egal, ob sie gerade das College-Girl aus den späten 20ern darstellt, die junge Frau in den frühen Dreißigern oder die Witwe, die 1944 Weihnachten ohne ihren Mann verbringen muss. Auch in den Szenen, in den sehr viele Menschen zur Musik tanzen, sehen wir ausschließlich die Mode von 1955, als die Glenn-Miller-Story gedreht wurde. Wie ausgesprochen befremdlich!

Natürlich sind die Kostüme in Filmen immer Gemische aus dem, was zu der Zeit getragen wurde, in der die Geschichte spielt, und dem, was modern war, während der Film gedreht wurde. Besonders schön, wenn Rokoko-Kostüme auf Frisur und Make-Up aus den 60er oder 70er Jahren trafen, wie etwa bei den Musketier-Filmen - erinnert sich jemand an Geraldine Chaplin und Faye Dunaway? Aber in so einer Reinkultur wie hier habe ich das noch nie vorher gesehen. Die überzeugendste Erklärung, die ich dafür finden konnte, ist, dass das Studiosystem für seine Stars nicht nur ein ganz bestimmtes Image, sondern auch einen ganz bestimmten Stil erschaffen hatte, und jemand wie June Allyson musste diesen Stil tragen, ganz egal, wen sie darstellen sollte. Und so kommt es zu solchen filmhistorischen Stil-Blüten. Glenn Miller in der Mitte der Fünfziger Jahre - da war der Meister bereits mehr als zehn Jahre tot. Was für ein Stilbruch!

Wednesday, July 8, 2015

Bücher über Vintage Mode: Diesmal "Vintage Fashion Knitwear" von Marnie Fogg

Die Hitzewelle der letzten Tage hat es mir unmöglich gemacht, viel Sinnvolles zu tun. Selbst dem Laptop war es zu heiß, deswegen durfte er sich ausruhen, während ich selbst träge im Garten saß mit einem feuchten Handtuch um den Hals und literweise Wasser auf dem Tisch ...
Immerhin hatte ich so die Zeit, meine neuen Bücher weiterzulesen. "Vintage Fashion Knitwear" hatte ich mir vor allem wegen des Untertitels gekauft: "Collecting and Wearing Designer Classics". Designermode also, die sich auf Strickmodelle beschränkt - sowas findet sich selten, wird doch Strickmode, wie ich meine, immer etwas vernachlässigt. Woran genau das liegt, habe ich noch nicht herausgefunden. Vielleicht daran, dass Strick in der Oberbekleidung noch relativ jung ist - aber das gibt es immerhin ja auch schon etwa 100 Jahre, sollte also kein Kriterium sein. Oder weil Strickmodelle in schlechten Zeiten gern aufgetrennt und weiterverwendet wurden, so dass es einfach nicht mehr so viele gibt? Falls jemand da noch mehr weiß, bitte melden!

Der Titel jedenfalls lässt schon erahnen, dass es sich hier nicht um ein typisches Strickbuch handelt. Modelle zum Nachstricken gibt es hier nicht, dafür einen Überblick über die wichtigsten Trends in den Jahrzehnten von 1920 bis in die 1990er Jahre.


Marnie Fogg, die Autorin, ist Britin, hat Art and Design studiert und in Wales auch gelehrt, tritt aber seit Jahren schon vor allem als Autorin im Bereich der Vintage Mode in Erscheinung, dies ist mein erstes Buch von ihr. Aufgeteilt ist es nach Jahrzehnten. In jedem Kapitel werden die wichtigsten Trends in Stil und Design, die technischen Entwicklungen und die prägendsten Designer vorgestellt. Dabei halten sich Text und Bilder etwa die Waage - was ich als angenehm empfinde. Kein reiner Bildband, der nur zum Durchblättern einlädt, sondern auch genügend Text, um Informationen und einen Eindruck zu bekommen - wer sich intensiv mit einer bestimmten Epoche auseinandersetzen will, muss ohnehin weiterlesen.


 Dabei geht es nicht nur um Modeerscheinungen im anglo-amerikanischen Raum, Skandinavien findet ebenso seinen Platz wie später italienische Designer, die vor allem die 80er besonders prägten.

Jedes Kapitel endet mit einer Doppelseite, auf der die wichtigsten Stilmittel des jeweiligen Jahrzehnts noch einmal zusammengefasst werden. So mache ich das auch in Workshops: die wichtigsten Linien, die für eine bestimmte Zeit so typisch sind und die einen Pullover eindeutig einer Epoche zuordnen - Schulter, Taille, Kragen. Und Farben und Muster natürlich ... hier alles schön zusammengefasst.

Das Vorwort übrigens ist von Kaffe Fassett, einem der großen Strickdesigner, der zwar in California geboren ist, aber schon seit einer Ewigkeit in London lebt und arbeitet, und der es immerhin schon bis ins Victoria & Albert Museum geschafft hat. Und dessen Arbeiten ich fantastisch finde, obwohl ich sie nicht anziehen möchte (das schließt einander nicht aus ;) ) Insofern ist das Buch schon etwas Britannien-lastig:
Vor allem in den 60er Jahren, als Swinging London natürlich in der internationalen Modewelt besonders hervortrat. Mary Quant und Biba, natürlich - deren Art Deco Inspirationen ich immer noch schön finde.
"Vintage Fashion Knitwear" bietet mit informativen Texten einiges an Wissenswertem zu der Strickmode verschiedener Jahrzehnte und füllt so eine noch immer ziemlich vernachlässigte Nische. Vor allem aber zeichnet sich das Buch durch wunderschöne Fotos aus, viele davon zeigen selten gesehene Modelle. Und auch wenn das Buch nicht dazu gedacht ist, geben die gezeigten Schnitte und Muster doch so viele Anregungen, dass eine geübte Strickerin mit einer Liebe zu Vintage Mode sich bestimmt an dem einen oder anderen Modell versucht. Ich habe auf jeden Fall ein paar neue Lieblingsstücke entdeckt ;) 

Friday, July 3, 2015

Mal wieder ein Trend: Makramee oder die Kunst der schönen Knoten


Es gab schon Eulenmotive und Matrioschkas, Polkadots und Pastellfarben, seit einiger Zeit sehe ich bei Etsy wieder vermehrt den Boho-Style, nicht nur mit Kelimkissen und bunten Farben. Diesmal auch mit Makramee, dem neuen Trend.

Makramee? Das ist ein "neuer" Trend, den ich nun schon ein paarmal miterlebt habe (ich höre wieder die Stimme meiner Freundin: "You show your age" - ja, ich weiß). Offenbar stimmt es, dass jeder Trend irgendwann mal wieder kommt - oder vielleicht auch einfach nie weg war? Jedenfalls, die Makramee-Welle schwappte nun schon mehrfach in meinen kreativen Alltag.
In der 5. Klasse im Handarbeitsunterricht (gab's damals, es wurde aber nicht nur gestrickt oder gehäkelt und hat daher durchaus Spaß gemacht) haben wir gelernt, in Makramee-Technik Einkaufsnetze oder Taschen herzustellen. Meine damals beste Freundin und ich hatten selbstredend sofort hochfliegende Pläne - superschöne Taschen, von uns selbst gemacht, wir wollten uns an den Nachmittagen treffen, um schicke Modelle zum Umhängen zu knüpfen, natürlich gleich mehrere. Ich glaube, so zweimal hat es sogar geklappt, das Taschenfragment (eines!) ist danach noch lange Zeit immer wieder in irgendwelchen Kisten aufgetaucht, ein frühes UFO (unfinished object). Das war in den Siebzigern.

Etwas später, Mitte der Achtziger, erste eigene Miniwohnung mit einer Leiter, die hinauf zum Schlafboden führte. An dieser Leiter hingen für lange Zeit die jeweiligen Makrameeprodukte, die gerade in Arbeit waren. Ich erinnere mich an Blumenampeln, die mit Holzperlen verziert von den Querbalken hingen und einen Teil meines privaten Gewächshauses lichtgünstig und platzsparend (!) - weil weder auf dem Boden noch auf der Fensterbank der Einzimmerwohnung - bewahrten. Die "Carina" von 1979 empfahl übrigens im Zuge des damaligen Trends auch einen ganzen Teppich aus Makramee:

Inzwischen, Jägerin und Sammlerin, die ich bin, kann ich nach einem ausgiebigen Stöbern in meinem Fundus bestätigen, dass Makramee immer wieder sowohl in Mode und Accessoires, als auch in Home Decor auftaucht, wenn auch in unregelmäßigen Abständen. Jetzt ist es also wieder so weit.

Die Anfänge lassen sich wohl nicht mehr zurückverfolgen, das Wort Makramee oder Macramé kommt angeblich aus dem arabischen Sprachraum, so dass es vermutlich mit den Kreuzrittern und/oder den Mauren über Spanien nach Europa gekommen ist, und es bedeutet so viel wie Weben oder Knüpfen. In Europa gab es vor allem Makrameearbeiten aus festerem Garn, oft wurden diese Arbeiten in Büchern auch als "Knoten" oder "Knüpfarbeiten" beschrieben, so dass sie unter dem Stichwort Makramee oft gar nicht zu finden sind, obwohl es sie gibt.

Um 1900 wurde Makramee vor allem zur Verzierung von gewebten Decken und Vorhängen verwendet, denn beim Weben hingen nach Fertigstellung Fäden heraus. Diese Fäden wurden als Fransen immer aufwendiger verziert mit Knoten und Quasten, und das war der, wie es scheint, beliebteste Verwendungsbereich der Makrameetechnik in jener Zeit. Später wurden diese Borten und Quasten nicht mehr direkt an das Gewebe gearbeitet, sondern separat hergestellt und danach angenäht. Hier ist die unnachahmliche Térèse de Dillmont wieder einmal eine unerschöpfliche Quelle und beschreibt auf mehreren Seiten das Knüpfen und Knoten von dekorativen Ornamenten.

In den 50er Jahren ging der Trend weg von Home Decor hin zu Mode und Accessoires, jedenfalls, was Knoten und Knüpfen anging. Hüte, Taschen, sogar Kragen waren angesagt und wurden zum Selbermachen empfohlen. 1955 waren es vor allem die Hüte, das Material war hier Bast, die Technik, die immer noch "Knoten" genannt wird, wieder Makramee:

Und der aktuelle Trend? Jetzt hat es Makramee sogar in die Kollektionen bekannter Designer geschafft. Das renommierte und vor allem durch seine traditionell geprägte Kleidung bekannte britische Modehaus Burberry hat in seinen aktuellen Kollektionen einiges, was als Makramee bezeichnet wird, allerdings ist das Gewebe, das hier für Röcke oder Hemden verwendet wurde, so fein, dass es für mich eher wie Klöppelspitze aussieht - auch eine Knotentechnik übrigens, wenn auch eine andere. Etwas rustikaler und daher mehr als Makramee zu erkennen ist da schon die Kollektion von Kate Moss - etwa mit einer Weste, die an die Mode der 60er/70er Jahre erinnert und ein bisschen auch an die Blumenampeln: Dickes Garn, wenig Knoten, viele Fransen. Mag nicht jeden Geschmack treffen, ist aber eindeutig Makramee, immerhin ;)

Abgesehen von Kosten und Geschmack lädt die leicht zu erlernende Knüpftechnik unbedingt zum Selbermachen ein: Mit ein oder zwei einfachen Grundknoten lässt sich ein ganzes Makramee-Universum erschaffen.

Und für Vintage-Fans ist das auf jeden Fall spannend. Wer sich selber daran versuchen möchte, wird sicher in alten Heften fündig - der Vorteil an immer wiederkehrenden Trends ist, dass genügend Material zur Verfügung steht. Meistens wird bei den Anleitungen die Knotentechnik beschrieben, das Material ist leicht zu beschaffen. Neben Sisal oder Jute (Vorsicht, nichts für zarte Hände!!) empfiehlt sich zum Ausprobieren ganz normales Garn. Armbänder sind in der einfachsten Knotentechnik leicht herzustellen und vor allem schnell. Es muss ja nicht gleich ein fast 2-Meter-Wandornament sein wie dieses hier: