Wollarium

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Tuesday, June 30, 2015

Das sexy Kleid - oder wie möchte ich sein?

Eveline Hall - Tänzerin, Schauspielerin und seit kurzem auch Model - hat gerade ihr Debütalbum herausgebracht und ist auf dem besten Weg, auch als Sängerin sehr erfolgreich zu werden. Das klingt nach einem hundert Mal gelesenen Werdegang. Was ist daran bemerkenswert, und was hat das mit dem sexy Kleid zu tun? Einen Moment Geduld, bitte ....

Vor ein paar Tagen hat Michou-loves-Vintage, einer meiner Lieblingsblogs, die Äußerung eines Designers als Diskussionsanstoß genommen. Nicht jedes Kleid, so meinte der junge Mann, müsse sexy sein, war aber nicht ganz sicher - vielleicht doch? Die Antwort auf die Frage an sich ist einfach: Natürlich muss ein Kleid nicht sexy sein. Welche Frau hat etwa in ihrem Beruf schon in erster Linie das Ziel, sexy auszusehen? Die Erzieherin, die Bankangestellte, die PR-Referentin? Im Beruf sollte Kleidung praktisch sein und vielleicht sogar noch bequem, sie soll die Kompetenz unterstreichen, die Seriosität, die Persönlichkeit - und dass die Trägerin sich dabei noch wohlfühlen und gut aussehen möchte, versteht sich fast von selbst.

Was aber genau ist eigentlich sexy? Ist ein Kleid sexy? Berlin ist es, oder war es doch wenigstens. Griechenland würde vielleicht lieber darauf verzichten, in einem Atemzug mit dem Wowereit-Zitat genannt zu werden, ist es aber auch. Ob bieder, bunt oder bekloppt - inzwischen darf sie-er-es fast alles sein, wenn es nur gleichzeitig provokant, ein bisschen zu laut und zu fast allem bereit ist. Oder jedenfalls so tut als ob. Sexy eben. Und dann ist alles möglich. Sexyness als höchst erstrebenswerte Eigenschaft?

Naja. Für mich ist das kein besonders positiv besetzter Begriff ("You show your age", würde eine Freundin von mir jetzt sagen und hätte damit wohl recht). Ich verbinde damit vor allem laut, billig und eine Art von Naivität, die notwendig ist, um das Laute, Billige und Aufdringliche zu erklären. Und zu ertragen. Vielleicht finde ich deshalb einen Kleidungsstil, der bei dem Versuch, die körperlichen Vorzüge zu betonen, etwas über das Ziel hinausschießt, bei ganz jungen Frauen tolerierbar. Ein Teenager, eine Zwanzigjährige, bei dem alles ein bisschen "zu" ist - zu kurz, eng, durchsichtig, tiefausgeschnitten - durchläuft eine Phase. Das Ausprobieren, Reaktionen testen, Provozieren gehört vermutlich zum Erwachsenwerden. Ich denke immer, die üben das Frau-Sein ja noch und bekommen es bestimmt irgendwann auch besser hin. Die Naivität, mit der das meist geschieht, ist Erklärung und ausgleichende Kraft zugleich.

Vielleicht ist es diese Naivität, bzw. das Fehlen derselben, die Schuld daran ist, dass eine bestimmte Form von kurzem Rock, Skinny Jeans und offenem Top bei einer etwas älteren Frau oft nicht mehr so richtig schick aussieht. Das liegt nicht an Haut oder Beinen, nicht an Falten oder grauem Haar. Sondern weil man einer 40jährigen einfach nicht mehr die Naivität abnimmt, mit der das bauchfreie Top oder der superkurze Mini getragen werden wollen. Eine erwachsene Frau muss niemandem mehr ihre körperlichen Vorzüge ins Augenmerk schleudern, die hat doch mehr zu bieten, denke ich. Mehr Selbstbewusstsein. Mehr offenes Lächeln, mehr direkten Blickkontakt, mehr souveränes Auftreten. Vielleicht ist es das, was an diesem Anblick manchmal nicht stimmig ist. Aber ich gebe zu, genau weiß ich das nicht.

Sicher bin ich aber, dass irgendwo in unserer so auf Jugendlichkeit abzielenden Gesellschaft ein paar Entwicklungsschritte abhanden gekommen sind. Daran dachte ich kürzlich beim Lesen. In dem Buch "The Lost Art of Dress" von Linda Przybyszewski findet sich dieser Schnitt aus einer "Vogue"-Ausgabe von 1945 mit dem Zusatz, dass ein so raffiniertes Ensemble nur zu der "sophisticated" Lady passt. Ein banales Beispiel nur, aber trotzdem: Ignorieren wir mal die Stola über dem Arm und sehen uns nur das Kleid an: Was für ein Schnitt, der jedes Detail der Figur betont und doch absolut nichts enthüllt. Das ist ein Kleid für eine erwachsene Frau, für die Frau über Dreißig. Ist das sexy? Vielleicht. Aber ohne eine Spur von Naivität. Keine Effektheischerei, nichts Schreiendes. Wer so etwas trägt, muss nichts und kann alles.

Das ist ein Frauenbild, das feminin ist, keine Frage. Und klar, es sind die späten Vierziger auf dem Weg in die ach-so-konservativen Fünfziger. Aber lassen wir das alles mal weg und betrachten wir wirklich nur das Kleid und wofür es steht: das ist ein Schnitt zum Selbernähen, dafür musste die Frau nicht viel Geld haben und schon gar nicht reich verheiratet sein. So gekleidet konnte sie eine Firma leiten oder mit den Kindern spazieren gehen, mit Freundinnen essen oder mit einem Mann. Und zog mit Sicherheit die Blicke auf sich, ohne laut zu sein oder provokant. Ein Frauenbild, das selbstsicher ist, erwachsen und attraktiv.

Zurück zu Eveline Hall, Tänzerin, Schauspielerin, kürzlich erst entdecktes Model und nun Sängerin. Eveline Hall wird in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiern. Sie ist ohne Zweifel eine sehr schöne Frau. Würde jemand im Zusammenhang mit ihr das Wort "sexy" gebrauchen? Vermutlich eher selten. Woran liegt das? Nicht an fehlender Ausstrahlung, Attraktivität, Eleganz, klassischer Schönheit. Das hat sie alles. Nicht aber die süßliche Naivität, die ich mit "sexy" verbinden würde.

Nein, es muss nicht alles sexy sein. Wenn ich mich entscheiden könnte oder müsste, würde ich die Lebensfreude wählen, die  Energie und Kreativität, die eine ganz besondere Form von individueller Schönheit schaffen können. Um Tänzerin zu werden, dafür bin ich zu alt, für ein Model viel zu klein, und ich kann definitiv nicht singen. Aber mit 70 würde ich gern da sein, wo Frau Hall jetzt ist: In einer Lebensphase, in der ich mutig sein kann, neugierig und attraktiv ohne falsche Naivität. Und ziemlich sicher ganz ohne ein sexy Kleid :)

Thursday, June 25, 2015

Bücher über Vintage Mode - heute "The Lost Art Of Dress" von Linda Przybyszewski

Das eigentlich Schöne an Projekten, die sich mit der Mode vergangener Zeiten beschäftigen, ist immer wieder die damit verbundene Recherchearbeit. In der letzten Zeit waren es für mich die Strickmode der Zwanziger Jahre (Filmkostüme) und der Dreißiger (Vortrag), die mich dazu brachten, mich mal wieder auf dem Buchmarkt umzusehen. Schließlich sind es die Details, die den Stil einer ganz bestimmten Ära ausmachen, und das bezieht sich nicht nur auf den Schnitt, sondern auch auf Zeitumstände. Ich lese mich daher immer gern ein über das Alltagsleben vor allem der Frauen in der jeweiligen Epoche. Mode ist schließlich immer ein Teil der Alltagskultur.
Bei einigen neueren Büchern  konnte ich nicht widerstehen und haben sie gekauft. Und davon sind einige interessant genug, hier kurz vorgestellt zu werden. Der deutschsprachige Markt bietet da allerdings immer noch wenig (warum eigentlich)? Die meisten Bücher sind auf Englisch geschrieben und liegen nicht übersetzt vor.
 

Die "Dress Doctors" - Hilfe in allen Kleiderlagen

Sehr neugierig machte mich das Buch "The Lost Art Of Dress" von einer amerikanischen Autorin, die ihr Interesse an Mode und offenbar auch die Fähigkeit, selbst zu schneidern, mit einer akademischen Ausbildung verbindet. Das klang nach interessant präsentiertem, gut recherchiertem Fachwissen, verbunden mit bodenständiger Praxis. Und das schöne Cover mit einem Schutzumschlag aus Papier war auch gelungen. Dieses Buch steht also jetzt bei meiner "Fachliteratur".
 
 
Linda Przybyszewski ist, wenn ich ihre Biographie richtig deute, in den frühen 60er Jahren geboren und hat eine Stelle als Professorin für Amerikanische Geschichte an der University of Notre Dame im amerikanischen Bundesstaat Indiana inne. Ihr Buch "The Lost Art Of Dress" erschien 2014 und widmet sich dem, was die Autorin als die verlorene Kunst, sich richtig zu kleiden, empfindet. Es erzählt von den Frauen, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten die Kunst, sich richtig zu kleiden, an Schulen oder Colleges unterrichteten, Artikel darüber schrieben oder sonst als meinungsgebende Instanz bekannt waren. Die Autorin bezeichnet diese Frauen als "Dress Doctors". Die Dress Doctors konnten schneidern, nähen, stricken, kannten sich in Stilfragen aus und wussten Rat in allen Belangen der Kleidung. Wer hier detaillierte Hinweise darauf sucht, was in welcher Zeit zu welchem Anlass getragen wurde oder gar einen Blick in den Kleiderschrank der eleganten Lady aus den 30er Jahren erhofft, wird leider enttäuscht sein. Ebensowenig gibt es Anleitungen oder Schnittmuster. Aber das Buch enthält durchaus einige Bilder und Zeichnungen, die nicht nur die jeweilige Mode repräsentieren, sondern auch Hinweise zu Stil und Kleidung geben, wie sie damals als wichtig angesehen wurden.
 

Hut oder Schuh? 

Der Schreibstil ist insgesamt durchaus unterhaltend, und einige persönliche Einflechtungen der Verfasserin zeigen, was sich in den letzten Jahrzehnten in der Mode verändert hat, ohne dass es uns besonders auffiel. So schreibt Linda Przybyszewski , dass in früheren Jahrzehnte das Augenmerk in der Mode stets auf das Gesicht gelenkt werden sollte. Eine Dame, die auf sich hielt, besaß daher eine Vielzahl an Hüten, denn der Hut umrahmte das Gesicht, natürlich je nach Form, möglichst vorteilhaft. Dass Frauen heute (Achtung, Klischee!) kaum noch Hüte, dafür umso mehr Schuhe kaufen, hat etwas mit unserem egozentrischen Selbstverständnis zu tun: die Schuhe sind fast der einzige Teil unserer Garderobe, den wir ohne Spiegel selbst sehen können .... Dieser Betrachtung müssen wir uns nicht unbedingt anschließen, aber sie ist doch immerhin so interessant, dass ich jedes Mal, wenn ich überlege, welche Schuhe ich jetzt am besten anziehe, daran denken muss.
 

Lässigkeit, Gleichgültigkeit oder Liberalisierung ...

Nicht alle Thesen in diesem Buch sind ähnlich unterhaltsam. Zuweilen vertritt die Autorin ihre Ansicht, dass die Frauen von heute sich nicht mehr zu kleiden wissen und damit fast ständig das Auge beleidigen, etwas zu deutlich. Ja, Jogginghosen werden überschätzt, keine Frage. Und ich persönlich finde auch, dass Röcke, die ich viel lieber trage als Hosen, weil sie bequemer sind, mehr Bewegungsfreiheit bieten und es egal ist, wie luftig oder wie warm alles darunter eingepackt ist, ein weithin unterschätztes Kleidungsstück sind.  Immerhin aber genießen wir heute in der Wahl unserer Kleidung eine Freiheit, die unsere Mütter und Großmütter sich sicher manchmal gewünscht hätten. Es ist egal, ob wir uns für Rock oder Hose entscheiden, und ob diese dann blau, schwarz oder kariert sind. Das ist eine Liberalisierung, das nicht genug gelobt werden kann. Da nehme ich doch auch mal eine Sweathose zuviel in Kauf.
 

Fazit:

Wer also gern konkrete Anleitungen mit Schnitten, Farben und Formen in Händen hält, wird in diesem Buch nicht viel Hilfreiches finden. Wer aber gern etwas darüber erfahren möchte, wie in den USA des früheren 20. Jahrhunderts im Alltag und nicht etwa in der Haute Couture Stil und Mode definiert, gemacht und bestimmt wurden, findet in diesem Buch bestimmt interessante Lektüre. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich hier 6 Lesepünktchen geben.