Wollarium

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Sunday, November 22, 2015

Novemberstimmung ... und ja, auch Leben, Sterben und Tod. Im Kleinen ...

Heute mal ein Exkurs aus gegebenem Anlass, und weil sich das Große ja immer im Kleinen findet und umgekehrt.

Worum geht's?

Nach Hund und Katz' sind wir vor Jahren aufs Schwein gekommen. Aufs Meerschwein nämlich. Und wer meint, dass sich der Unterhaltungswert dieser Tiere im Vergleich zu größeren Vierbeinern doch in Grenzen hält, der hatte vermutlich noch nie welche.

Die ersten Meerschweinchen, die bei uns einzogen, waren zwei Brüder, Wurfgeschwister, was, wie wir später feststellten, wohl nicht das gleiche ist. Diese beiden nämlich waren stets unzertrennlich, und der eine ging prinzipiell niemals irgendwohin, wo nicht auch der andere hinging. Sobald der eine aus welchem Grund auch immer aus dem Käfig genommen wurde, riefen die beiden so lange nach einander, bis der Entführte zurückgebracht oder der andere, um des lieben Friedens und der Schonung der Ohren willen, nachgeholt wurde. Wenn die beiden einmal mit einem der Kinder draußen auf der Wiese waren, dann liefen sie stets Nas-an-Bürz, in gebührendem Abstand natürlich, so dass mindestens zwei Gänseblümchen und ein kleiner Wald satter Halme dazwischen passte. Man war schließlich zum Essen gekommen. Aber immer hübsch in Riech- Hör- oder Sichtweite bleiben, denn sollte ein drohender Schatten von oben auf sie fallen, konnten sie sich wenigstens rechtzeitig zusammendrängen. Vermutlich, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Oder was immer sich ein Meerschwein so denkt.

Zum Tierarzt mussten auch immer beide gemeinsam, selbst wenn nur einer krank war. ("Und was fehlt dem anderen?" "Nichts, der kam nur zur Begleitung mit ...") Und beim Tierarzt waren wir fortan öfter, denn wie sich zeigte, hatte einer der beiden häufig Schnupfen, was daran lag, dass er einen Herzfehler hatte. Wir hatten ein Meerschweinchen mit Herzfehler, man stelle sich das bitte einmal plastisch vor. Aber wir lernten ständig dazu.

Ein Schwein mit Herz

Damit er zumindest noch eine Weile bei seinem Bruder bleiben konnte, bekam der Kleine von nun an einmal am Tag eine meerschweinangepasste Dosis eines Kinderherzmittels, mit der Pipette. Jeden Abend, ein fest in den Tagesplan integriertes Ritual. Und dabei passierte, was immer passiert, wenn Lebewesen viel Aufmerksamkeit bekommen: dieser kleine Herzpatient wurde das zutraulichste und handzahmste Haustier, das wir je hatten. Hund und Katze eingeschlossen. Als das Herz mit den (nicht sehr vielen) Jahren dann doch allmählich zu versagen begann, kehrten die Infekte zurück, und dann wurden Nase und Schnäuzchen auch noch regelmäßig sanft mit Kamillentee gereinigt. Allabendlich. Und ich könnte schwören, dass er das genossen hat, auch wenn es heißt, dass Meerschweinchen eigentlich keine Streicheltiere sind. Zweifellos aber sind sie Tiere, die gern unterhalten werden. Notfalls wohl auch von Menschen. Unerwarteterweise starb der eigentlich gesunde Bruder noch vor dem kleinen Herzpatienten, an einem Infekt. So ist das manchmal.

Da Meerschweinchen ja nun mal nicht gern allein leben, kam als nächstes ein kleines braunes Meerschweinkind dazu. Leider fühlte er sich seinem neuen Zuhause noch bei weitem nicht so verbunden wie die beiden Brüder vor ihm, so dass er in einem unbedachten Augenblick den liebevollen Händen der Kinder entschwand und in die Brache auf dem Nachbargrundstück floh. Ein mausgroßes Meerschweinkind in Naturbraun, das auf einer unbebauten Wiese unterwegs war - sobald es unter das nächste Blatt gerannt war, blieb es für immer verschwunden. Zwar fanden wir das kleine Schwein nie wieder, dafür lernten wir an diesem Tag sämtliche Nachbarn kennen, die sich an unserer Suchaktion beteiligten, und so erfuhren wir, dass auf diesem Stück Brachland schon ganze Generationen von Tieren verschollen waren - Kaninchen, Meerschweinchen - und dass auch mal eine aus dem Ruder gelaufene Mäusezucht hier die Freiheit fand. Mittlerweile ist die Brache bebaut, mit Wohnblöcken, die Einwohnerzahl dürfte der einer mittleren Kleinstadt entsprechen. Keiner von ihnen wird wohl je erfahren, welche Dramen sich dort schon abgespielt haben. Begraben vom Lauf der Zeit. So schnell geht das.

Next Generation


Nun wohnen hier noch drei Meerschweinmänner. Einer davon ist inzwischen acht Jahre alt, ein wahrhaft stolzes Alter für einen Nager. Wir hatten den alten Mann schon ein paarmal aufgegeben, als er aufhörte zu essen und immer schwächer wurde. Eine kritische Musterung der Gesamtsituation zeigte aber, dass das an den Zähnen lag. Die mussten nun ab und an mit wenig Aufwand gestutzt werden, und jedes Mal danach warf sich der alte Mann mit ungebremsten Appetit wieder auf Sellerie, Karotten oder Gurken, die allerdings mit dem Sparschäler in Streifen geschnitten werden mussten. Wir hatten nämlich gelernt, dass Nager ihre Nagezähne gar nicht unbedingt brauchen, wenn sie ihr Futter seitlich über die Backenzähne essen können. So machte der Sohn allabendlich Gurkenpommes und ich Möhrenspaghetti. Oder was gerade da war. Und der alte Mann sauste durch sein Gehege wie eh und je. Chef einer Gruppe, die wohl nur in seinem Kopf existierte.

Vor kurzem dann wurde er langsamer, und eines morgens konnte er die Hinterbeine kaum noch bewegen. Die Vorderbeine haben inzwischen auch keine Kraft mehr, also liegt er im Wesentlichen den ganzen Tag auf demselben Platz. Aber das Essen interessiert ihn immer noch. Er hebt den Kopf, wenn jemand vorbeikommt, und schiebt und windet sich, wenn nötig, auch noch ein paar Zentimeter, um die frischesten Heuhalme zu erwischen. Da er nicht mehr läuft, muss er regelmäßig auf frische Streu gesetzt werden, damit er nicht im Nassen liegt. Also alle paar Stunden umbetten, ein Heunest um ihn herum bauen, damit er nicht in eine Position fällt, aus der er sich nicht befreien kann, und regelmäßig frisches Futter, in kleinen Portionen. Denn wenn der erste Hunger gestillt ist, schläft er gern wieder ein. Wie ein alter Mensch.

Über Leben und Sterben ...


Und nun? Der alte Mann hat an Gewicht verloren, ist nur noch Haut und Knochen und Haare. Irgendwann wird er vermutlich Druckstellen bekommen, wenn er sich nicht bewegt. Das Wort vom Einschläfern steht im Raum. Da bleibt es im Moment noch stehen. Wie entscheide ich, wann jemand nicht mehr leben will, der mir das nicht sagen kann?

Mit Blick auf das große ganze Weltgeschehen erscheint das Leben eines Meerschweins banal, aber mir fiel dabei tatsächlich die Debatte um Sterbehilfe ein, die in den Medien diskutiert wird und die wir hier auch immer mal wieder führen. Leben, Sterben und Tod?

Meine Mutter hatte Krebs, über einen so langen Zeitraum, dass wir uns alle daran gewöhnten, dass er da war und sich eigentlich wenig bemerkbar machte. Als ihr Sterben begann, kam es überraschend, und es ging ziemlich schnell. Irgendwann kam der Tag, an dem sie nicht mehr aß, nicht mehr trank und nicht mehr reagierte. Die letzte Phase des Lebens vor dem Tod, im Bett in ihrem Zuhause. Sie würde nie mehr mit uns sprechen, uns nicht einmal ansehen. Das allein war schwer zu ertragen. Aber es war unübersehbar, dass sie noch Schmerzen hatte. Das war sinnlos und unnötig, und es mitanzusehen war eine Qual. Die unmögliche Hausärztin, die meine Eltern hatten, kümmerte sich nicht, der Arzt, der Notdienst hatte, konnte aufgrund des Datums, der Uhrzeit und der Witterung nicht zeitnah kommen. Also führte ich mit ihm ein langes Telefonat, in dem er mir Anweisungen gab, wie ich die Medikamente meiner Mutter dosieren müsste, damit sie keine Schmerzen mehr hatte. Und er fragte mich, ob ich wüsste, was ich tun würde. Ja, das wusste ich. Sie würde nicht mehr aufwachen. Aber das würde sie auch ohne Morphium nicht mehr. Die Wirkung setzte schnell ein, und ich telefonierte in dieser Nacht noch öfter mit dem Arzt, der gut zehn Kilometer weit weg ebenso im Schnee steckte wie wir. Stunden später starb meine Mutter, ganz ruhig und offensichtlich schmerzfrei.

Der Weg vom Leben zum Tod, um mal etwas pathetisch zu verkürzen, ist zweifellos nicht immer einfach, nicht, wenn man krank ist, und nicht, wenn man alt ist. Aber wie erkenne ich, dass er definitiv zu Ende geht? Ich finde das schwierig. Es ist noch ziemlich früh heute. Der Meerschweinmann reckte sich mir, als ich eben an ihm vorbeiging, wieder aufmerksam entgegen und erwartete offenbar sein morgendliches Gemüsebuffet. Ich gehe also jetzt Gurken raspeln und ein frisches Heubett richten. Mal sehen, wie es morgen ist, wie es ihm morgen geht. Morgen sehen wir weiter.

Gerade fällt mir auf, dass heute nicht nur ein grauer Novembertag ist, sondern auch noch Totensonntag. Reiner Zufall, dass sich das mit der Pflegebedürftigkeit des Meerschweinmannes trifft. Habt einen schönen Tag!






6 comments:

  1. Ich habe mich in letzter Zeit sehr oft mit dem Thema befaßt und stimme letzten Endes den Palliativmedizinern zu, die sagen, dass der Wunsch nach Sterbehilfe, die Reisen in die Schweiz, nach Holland und Belgien seltener wären, wenn mehr Sterbenskranke palliativ betreut würden - was an unserer Gesellschaft liegt, dafür zu sorgen. Es gibt viel zu wenige Hospize und Palliativstationen. Es ist nämlich für diese Mediziner, Schwestern und Pfleger sehr gut möglich, nicht nur Schmerzen, sondern auch Ängste zu nehmen und aus den letzten Tagen noch gute Tage zu machen. Es ist Platz für Trauer, Wut und Zorn, für Gespräche und Tränen und Lachen. Aber der sterbende Mensch scheint so wenig Platz in unserer Mitte zu haben, dass wir lieber ethisch-rechtliche Diskussionen über die Sterbehilfe führen anstatt wirksam beim letzten Weg zu helfen.

    Ich bin froh, dass ich das meinen Vater habe ermöglichen können.

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    1. Ich finde das auch schwierig und stehe damit oft etwas allein da, jedenfalls kommt mir das so vor. Den Wunsch nach Sterbehilfe verstehe ich vollkommen, sehe das aber immer als allerletzten Weg. Viele Menschen wissen wohl auch nicht, dass eine gute Sterbebegleitung und ein erleichtertes Sterben schon seit langem praktiziert wird, von aufmerksamen Ärzten und Pflegern. Die allerdings sind extrem schwer zu finden, ich war entsetzt, wie schlecht unsere überalternde Gesellschaft mit Tod und Sterben umgeht, als meine Mutter so weit war. Krankenhaus und Hausärztin kümmerten sich von dem Moment an nicht mehr, als klar war, dass sie innerhalb kurzer Zeit sterben würde. Jeder Schritt musste von da an aktiv von uns, den engsten Angehörigen, organisiert werden, mit sehr viel Einsatz und sehr schnell. Da müsste sich noch sehr viel ändern. Aber auf der anderen Seite - ich war auch sehr froh, bei ihr sein zu können, mit ihr bis zuletzt sprechen und Abschied nehmen zu können. Und ihr das Sterben zu erleichtern, als es nötig war. Eigentlich sollte es so sein. Idealerweise. So wünsche ich es mir jedenfalls.

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  2. sehr sehr schön geschrieben!!!!
    die moderne medizin kann zwar "am leben erhalten" auf teufel komm raus - aber die menschen in frieden sterben zu lassen kriegen die wenigsten ärzte offensichtlich hin. ich hatte letztens ein gespräch mit einer über 70jährigen freundin und währenddessen kamen wir auf die idee uns ausführlicher mit kräutermedizin zu beschäftigen - um im falle eines falles das wissen und die vorräte zu haben um die sache selbst in die hand zu nehmen oder eben in vertauenswürdige hände zu geben wenn man selbst nicht mehr kann.....
    xxxxx

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    1. Ja, da gibt es bestimmt viele Gedanken und Möglichkeiten. Das Problem ist nur, dass keiner von uns weiß, wie es einmal sein wird. Und wann, und unter welchen Bedingungen ... das hab ich aus erster Hand erfahren, wieder bei meinen Eltern: Vieles haben wir gemeinsam besprochen und manches habe ich allein überlegt, und am Ende kam es ganz anders. Meistens muss dann sehr viel sehr schnell entschieden werden, es gibt keinen Probedurchlauf und keine Möglichkeit für Fehlversuche. Die Gedanken über Leben und Sterben sind wohl sehr individuell verschieden, aber wichtig finde ich, das nicht auszublenden. Sondern auch darüber zu reden ... wie auch immer: hab einen schönen Tag in Deiner schönen Gegend!

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  3. Sehr schön und spannend geschrieben. Musste alles lesen ;)

    Ich persönlich finde Sterbehilfe seeeeehr kritisch, nicht weil ich prinzipiell dagegen bin, sondern weil die Gesellschaft, neben der Vergreisung, auch recht wenig eigene Kinder hat, die sich evtl. noch voller Liebe um diese Frage kümmern könnten, sondern jetzt schon die Altenheime voll sind mit Menschen, die mit Medikamenten ruhig gestellt sind. Ich will nicht wissen, was dann mit evtl. Einführung einer Sterbehilfe da abgeht.....

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    1. Ja, mir geht es ähnlich. Der Wunsch nach einer gesetzlichen Regelung trifft dabei kurioserweise auf eine Praxis, in der auch sehr alte Menschen mit Krebs im Endstadium bis zum bitteren Ende mit Chemos gequält werden, statt mit einer sinnvollen Palliativbehandlung beim Sterben begleitet zu werden, wie mir eine Freundin, die Altenpflegerin ist, gerade wieder kopfschüttelnd erzählte. Den Wunsch, sich lange Qualen zu ersparen, kann ich daher verstehen, aber gute Ärzte und Pfleger haben das schon immer ermöglicht. Das setzt aber einen persönlichen und individuellen Kontakt voraus. Wie Sterbehilfe unter gesetzlicher Regelung,, so stark verallgemeinert, funktionieren soll, ohne dass das Willkür und Missbrauch ermöglicht, erschließt sich mir leider auch noch nicht so ganz. Und bis dahin vielleicht doch eher lieber nicht ... Da muss es noch was anderes geben.

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