Wollarium

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Sunday, November 1, 2015

Getrödelt - Gefunden - Gefreut: Flüchtlingskinder. Erziehungsratgeber von damals.

Vor kurzem habe ich beim großen Auktionshaus ein kleines Bündel Bücher - oder besser: Büchlein erstanden, für den üblichen Euro plus Porto. Ein kleines Buch über gestrickte Kinderkleidung ist dabei, bei den anderen handelt es sich um Ratgeber zur Kindererziehung von den frühen 50ern bis in die späten Sechziger Jahre.

So etwas hatte ich noch nicht in meiner kleinen Bibliothek, und für ein abgerundeteres Bild der Kulturgeschichte der Nachkriegszeit schien mir das eine interessante Ergänzung zu sein. Eines dieser Büchlein möchte ich heute bei Getrödelt-Gefunden-Gefreut vorstellen, es hat den Titel: "Flüchtlingskinder" und ist aus dem Jahr 1951.
Dieses Heft sprang mir sozusagen sofort ins Auge. Einmal natürlich, weil der Begriff "Flüchtling" heute wohl wieder ähnlich häufig verwendet ist, wie er es damals war, und auch deswegen, weil - ich erwähnte es schon in früheren Posts - auch meine Eltern Flüchtlingskinder waren, genau wie ihre Geschwister, die später meine Onkel und Tanten wurden. Was einmal mehr zeigt, dass die Geschichte ein großer, weiter Ozean ist, in dem alles früher oder später wieder an der Oberfläche auftaucht.

Mich hat interessiert, welche pädagogischen Erkenntnisse es in der Nachkriegszeit gab über Flüchtlingskinder, und welche Tipps und Ratschläge, wie am besten mit ihnen umzugehen, wie ihnen beizustehen ist. Und ob wir daraus Erkenntnisse auch für die heutige Zeit gewinnen können. Das Inhaltsverzeichnis gibt einen ersten Aufschluss:

Um es kurz zu machen: 

Vom heutigen Standpunkt pädagogischen Allgemeinwissens aus betrachtet, bietet das Büchlein nicht viel. Es wird anhand von Beispielen gezeigt, welchen Einfluss die Flucht, der Verlust der vertrauten Umgebung, nicht nur auf das Kind, sondern auch auf die Strukturen innerhalb der Familie haben kann. Und es wird geschildert, wie unterschiedlich Kinder darauf reagieren können, je nach Persönlichkeit, nach Alter, und natürlich nach dem, was sie erlebt haben.
Mir scheint, dass es der Verfasserin in erster Linie darum ging, überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen für die besondere Situation der Kinder in den Jahren nach dem Krieg. Die Anleitungen zur Hilfe und Unterstützung gehen über sehr einfache Leitsätze nicht wesentlich hinaus.

Leitsatz 3: "Wir müssen diesen Kindern Hilfen geben, daß sie mit ihren Schwierigkeiten fertig werden. Dann stören sie unsere Welt nicht, sondern bereichern sie." 

Schlichte grundsätzliche Erklärungen wie diese waren offenbar nötig. Aber immerhin, es wurde versucht, die Kinder der Nachkriegszeit als eigene Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Sorgen, Nöten und Problemen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Zumindest theoretisch. Auf individuelle psychologische und pädagogische Betreuung lässt das noch nicht schließen. Und bis in den letzten Winkel der westdeutschen Nachkriegsrepublik sprachen sich  diese Erkenntnisse wohl seinerzeit nur langsam herum. Mein Vater jedenfalls, der zweifellos ein offener Mensch mit viel Sinn für die heiteren Dinge des Lebens war, hatte aus seiner Schulzeit als Flüchtlingskind in der Nachkriegszeit eher dunkle Erinnerungen.

Das ist alles sehr lange her, und die Pädagogik und kinderpsychologische Schulung vor allem der Erzieher, Lehrer und anderen Verantwortlichen hat sich seit den 50er Jahren mit großen Schritten weiterentwickelt. Trotzdem, meine ich, haben diese zehn Leitsätze immer noch eine gewisse Gültigkeit. Lassen wir die etwas altmodische und teilweise auch pathetisch anmutende Ausdrucksweise mal beiseite, dann klingt, was hier steht, gar nicht mehr so falsch:

Leitsatz 4: "Das Vertrauen des (...) Kindes in die Welt und die Menschen ist erschüttert worden. Durch die Art, wie wir ihm begegnen, arbeiten wir wiederherstellend oder tiefer zerstörend an seinem Bild des Menschen."


Das ist eine schlichte Weisheit. Aber der Grundgedanke ist völlig richtig. Schon eigenartig, dass es nach so vielen Jahren wieder darum geht, zu akzeptieren, zu integrieren, zu fördern, zu unterstützen und zu helfen. Das mag nicht immer einfach sein, aber es ist so wichtig.

Mein Vater übrigens hätte heute, am 1. November, Geburtstag gehabt. Dass ich ausgerechnet heute dieses Heft vorstelle, hat sich zufällig so gefügt. Aber es freut mich, weil es wirklich gut zusammenpasst.

In diesem Sinne: einen schönen Sonntag Euch allen!

8 comments:

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    1. Immer wieder gern, liebe Beate - ich wünschte, es ließe sich mehr tun ... Hab einen schönen Sonntagabend in Deiner herrlichen Gegend da unten!

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  2. Ja, diese Erinnerungen. Meine Eltern waren auch Flüchtlinge, die von ihren eigenen Landsleuten nicht gewollt waren. Mir war nicht klar, dass die Pädagogik von damals so einfühlsam war. Das haben meine Eltern anders erlebt. Ich finde es sehr wichtig, dass die Geschichte ein Teil unseres Lebens ist und in Erinnerung bleiben muss. LG Agathe

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    1. Ich denke, dass das im alltäglichen Umgang mit den Kindern bestimmt keine große Rolle spielte. Aber wenn die Geschichte für irgendwas gut ist, dann dafür, sie sich zu passender Zeit anzuschauen und daraus was zu lernen .... LG zurück!

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  3. Meine Großeltern väterlicherseits waren Sudetendeutsche und mußten natürlich auch fliehen. Meine Oma hat mir Geschichten von kurz vor der Flucht (Verstecken vor den Russen), Packen für die Flucht zu Fuß und über den Tod ihres Vaters im ersten Jahr nach der Ankunft in Deutschland berichtet. Gestorben an gebrochenem Herzen ... Wie es wirklich war für sie al Teenager hier anzukommen weiß ich gar nicht ... Irgendwie gingen die Geschichten dann schnell mit dem Thema weiter, wie sie meinen Opa kennen lernte (oder eher von ihrer Mutter verkuppelt wurde). Wenigstens waren meine Großeltern mal gemeinsam den Geburtsort meines Opas besuchen und haben nach Spuren von damals gesucht ....

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    1. Wie schade, dass so viele Erfahrungen irgendwann für immer verloren sind - oder? Bei uns wurde immer viel erzählt, Heiteres, Trauriges, Absurdes ... deswegen kann ich mich noch gut erinnern an die Geschichten, die bei uns über die Nachkriegsschulzeit erzählt wurden, zum Beispiel, und denke da jetzt immer mal wieder dran, wenn ich mir vorstelle, wie all die Kinder aus Krisengebieten heute in Berlin in Kitas und Schulen gehen werden.

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  4. Tolles Fundstück! Weckt bei mir auch Familienerinnerungen. Meine Oma musste sogar zweimal fliehen! Leider redete sie auch nicht sonderlich viel darüber. Das tat man in der Nachkriegszeit einfach nicht. Ich bekam mal das Buch "Wenn du lächelst, bist du schöner!" (Claudia Seifert) geschenkt. Darin wurde auch deutlich, dass Kinder (sogar die eignen) oft eher eine Last waren, da man sie satt bekommen musste. Ich weiß nicht, ob es in diesem Buch stand, auf jeden Fall begegnete mir zu diesem Thema mal der Ausdruck: "Ein Fresser weniger am Tisch!" wenn ein Kind wegblieb. Ich denke, der wesentlichste Unterschied zu den Flüchtlingen von damals und heute ist, dass damals alle kaum was hatten und jeder Angst hatte, nicht über die Runden zu kommen. Da waren fremde "Fresser" noch unwillkommender.

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    1. Da hast Du in ganz vielem recht. Damals hat man mit Sicherheit viel mehr in sich hineingefressen, und sowas wie psychologische Begleitung oder gar Traumatherapie war wohl noch viele Jahre danach etwas vollkommen Fremdes. Deswegen fand ich es so spannend, so ein Büchlein zu finden - obwohl ja irgendwie klar war, dass es sowas geben musste, wenn es auch wohl nicht sehr verbreitet war. Das mit dem 'Fresser weniger' klingt ja sehr hart ... so etwas habe ich aus den Familiengeschichten allerdings nie herausgehört, zum Glück - und meine Großeltern zu beiden Seiten hatten wirklich viele Kinder.

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