Wollarium

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Sunday, September 6, 2015

Fanö und Fluchtwege oder Strickkurse und die Nachrichten

Falls hier der Eindruck entstanden sein sollte, ich würde gar nichts schreiben, so täuscht das - ich schreibe ganz viel und eben deswegen in der letzten Zeit nicht hier.

Vom 18-20.09. werde ich, so nichts Gravierendes dazwischen kommt, in Dänemark sein, auf der Insel Fanö, und darf beim Strikkefestival von Christel Seyfarth einen Workshop über Vintage Knitting geben und einen Vortrag halten (Anmeldungen sind noch möglich ....). Aus mir unerfindlichen Gründen bereitet die Vorbereitung solcher Veranstaltungen doch irgendwie immer mehr Arbeit, als ich mir das vorher gedacht habe. Dabei sind alle Daten, Fakten, Bilder und was sonst noch nötig ist, längst in meinem Kopf und sogar auf dem Laptop gespeichert, aber bis daraus zum Beispiel eine 90-minütige Präsentation geworden ist, muss doch noch einiges hin- und hergeschoben werden, damit meine potentiellen Zuhörerinnen (es werden wohl hauptsächlich Frauen sein bei einem Strickfestival ...) meine Faszination für dieses Thema teilen können und nicht unversehens beim Klang meiner Worte einschlafen. Nun könnte ich in meiner Muttersprache vermutlich über fast jedes Thema eine Stunde reden, ohne dass es allzu langweilig wird, aber auf Englisch fällt mir das doch deutlich schwerer, weil ich normalerweise in dieser Sprache nur selten denke ... Es wird also viel getextet und bebildert, nur im Moment leider nicht auf dem Blog. Thema der Präsentation ist übrigens: Knitting in Difficult Times, und es geht um die Zeit der Dreißiger Jahre bis etwa zum Ende des 2. Weltkriegs.

Und das brachte mich dann jetzt doch dazu, noch etwas für den Blog zu verfassen.
Die Beschäftigung mit Kriegszeit und Nachkriegszeit macht Spaß, immerhin ist das ja mein Fachgebiet, aber es geht mir auch unerwartet nahe. Vermutlich treffen Erinnerungen da auf aktuelle Nachrichten.
Kriegszeit und Nachkriegszeit haben mich mein Leben lang begleitet. Meine Oma ist mit ihren jüngsten Kindern - die großen Söhne und der Opa sind in den letzten Tagen noch einzogen worden - aus der Gegend von Königsberg erst über das zugefrorene frische Haff und dann auf vielerlei Irrwegen bis nach Schleswig-Holstein geflüchtet. Mein Vater und seine Schwestern sind unterwegs von Granatsplittern getroffen worden, an Typhus erkrankt und wieder gesund geworden, hatten Hunger und vor allem Angst. Meine Oma muss dabei so etwas wie einen sechsten Sinn entwickelt haben. Jedenfalls ist es ihr gelungen, immer zur rechten Zeit irgendwo ein Dach über dem Kopf zu finden, stets den Zug zu erwischen, der nicht bombardiert wurde, und das Schiff zu besteigen, das nicht unterging. Sie hat ihre vier 'Kleinen' sicher bis in ein neues Zuhause etwas nördlich von Hamburg gebracht, selbst eine beinahe winzig kleine, zierliche Frau, rothaarig und sommersprossig, geistig hellwach und der Mittelpunkt unserer weitverzweigten Familie bis zu ihrem Tod im Alter von 85 Jahren sehr viel später.
Ich weiß nicht, wie es für meine Oma war, mit absolut nichts außer ihren Kindern in einer fremden Gegend neu anzufangen. Als sie noch lebte, kam es mir nicht in den Sinn, sie danach zu fragen. Aber ich weiß, dass es für meinen Vater nicht einfach war. Traumatisierte kleine Jungs waren sicher nicht im Lehrplan einer mittelstädtischen Schule vorgesehen, und ein kleiner Teil von ihm blieb wohl immer Flüchtlingskind.  Aber mein Vater war auch ein fantasievoller Erzähler. Geschichten aus seiner Kindheit gehörten bei uns zum festen Unterhaltungsrepertoire lauer Sommerabende, ebenso wie bestimmte Verhaltensweisen bei ihm aus eingebrannten Erinnerungen an die Kriegs- und Fluchttage entstanden waren und genauso selbstverständlich seine Persönlichkeit ausmachten wie die Tatsache, dass er keine Zwiebeln mochte und absolut überhaupt kein Gehör für Fremdsprachen hatte.

Es hat ein bisschen gedauert, aber wenn ich in den letzten Tagen die Nachrichten verfolgt habe, hat sich dann doch die Erinnerung an die Geschichten von damals langsam, aber hartnäckig den Weg in die vorderste Reihe meines Bewusstseins gebahnt. Endgültig dann bei den vielen Kommentaren zu den Bildern des kleinen Jungen, der in der Türkei tot am Strand lag. So viele Menschen fragten:
Wie können Eltern so etwas tun? Wie können sie es ihren Kindern antun, eine so gefährliche Reise zu unternehmen? Wie können sie ihre Kinder solcher Todesgefahr aussetzen?
Ausgerechnet das hat mich am meisten erschreckt, weil ich dabei meine eigene Familie vor mir sah. So viele Menschen waren gegen Ende des zweiten Weltkriegs unterwegs und haben ihren Versuch, sichere Gegenden zu erreichen, damals nicht überlebt - kleine Kinder, schwangere Frauen - die Berichte darüber sind Legion. Ist das meiner Oma damals auch passiert? Haben die neuen Nachbarn sie gefragt, wie sie es ihren Kindern, die schwach, entkräftet und verstört in ihrem neuen Zuhause angekommen sein müssen, hatte antun können, mitten im tiefsten Winter diese Reise zu unternehmen? Ich hoffe nicht. Freiwillig hat sie das nicht getan.
Mein Vater übrigens hat später, als das möglich war, oft das Dorf besucht, in dem er geboren war. Mit der Familie, die jetzt in dem Haus wohnt, das mein Uropa gebaut hatte, war er bis zu seinem Tod befreundet, die Frau war genauso alt wie er. Sie war damals auch nicht freiwillig mit ihren Eltern dort eingezogen, die Familie war zwangsumgesiedelt worden. Kein Spaß für niemanden, an keiner Stelle. Aber stattdessen gegenseitiges Verständnis und Sympathie.

Meine Mutter ist als kleines Mädchen mit ihrer Familie auch mit einem der großen Trecks aus dem Osten gegangen. Mein Opa hatte sich erst dazu entschließen können, Haus und Hof zu verlassen, nachdem seine Frau und seine älteste Tochter, die große Schwester meiner Mutter, für mehrere Tage von Soldaten verschleppt worden waren. Anders als mein Vater sprach meine Mutter selten von dieser Zeit. So wenig geheimnisvoll sie sonst war, hier war ihr Schweigen so entschieden, dass ich sie nie danach zu fragen wagte. Viel später, als meine Mutter nicht mehr lebte, fragte ich meinen Vater, ob sie ihm einmal davon erzählt hätte, was meiner Tante, die immer ein sehr enges Verhältnis zu ihrer einzigen kleinen Schwester, meiner Mutter, gehabt hatte, zugestoßen war, und er erzählte mir, sehr vorsichtig, was er wusste. Danach wünschte ich, lieber nicht gefragt zu haben.

Meine Mutter kam damals mit ihrer Familie nicht ganz so weit nach Westen wie mein Vater, nur bis nach Mecklenburg. Dort hat sie sich später in einen engagierten jungen Fußballer aus Westdeutschland verliebt, der sich zu einem Freundschaftsspiel - das gab es damals noch - in der DDR aufhielt. Nachdem die beiden sich jahrelang nur im Urlaub - in seinem! - treffen konnten, ist meine Mutter schließlich 1961, kurz vor dem Mauerbau, über den Bahnhof Berlin Friedrichstraße von Ostberlin nach West-Berlin geflüchtet und dann von Tempelhof nach Hamburg geflogen, um endlich ihren Verlobten heiraten zu können, der später mein Vater wurde.

Viele Jahre sind wir jeden Sommer an die mecklenburgischen Seen gefahren, und ich hatte als Kind immer eine schöne Zeit auf dem Dorf bei Oma, Opa, Cousins und Cousinen. Meine Mutter aber hat sich immer gewünscht, einmal ihrer Schwester zeigen zu können, wie sie nun lebte, in dem anderen Land, im Westen, nördlich von Hamburg. Dazu kam es nicht, denn vor dem Rentenalter durfte niemand aus der DDR zu einem Besuch nach Westdeutschland reisen, und als die Mauer dann fiel, war es zu spät für meine Mutter und ihre Familie. Meine Großeltern lebten schon lange nicht mehr, und meine Tante war kurz vorher an Krebs gestorben. Später habe ich erfahren, dass auch Cousins von mir unter jenen waren, die mit ihren Familien versuchten, über Ungarn nach Westen auszureisen.

Im Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße gibt es eine schöne Ausstellung zur Vergangenheit dieses Übergangsbahnhofs, und erst im letzten Jahr haben wir 25 Jahre Mauerfall gefeiert. Das ist alles noch gar nicht lange her.

Wie schlage ich jetzt den Bogen zurück zu meiner Strickarbeit? Die Oma aus Mecklenburg hat uns jeden Winter selbstgesponnene Wolle geschickt, zusammen mit handgestrickten Socken aus ungefärbter Schafwolle, die ganz fein gearbeitet waren und schön warm. Ein Restknäuel davon habe ich im Nachlass meiner Mutter gefunden. Das liegt jetzt hier und soll mal ein Paar Handschuhe ergeben. Sobald ich dazu komme, etwas für mich selbst zu stricken. Aber erst einmal Fanö und die 30er Jahre. When all the girls where busy knitting jumpers ... Euch allen ein schönes restliches Wochenende und eine wunderbare Woche.


3 comments:

  1. bin zufällig auf deinen blog gekommen und finde diesen post einmalig gut geschrieben. das wollte ich dir nur sagen.
    viel glück für den workshop.

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  2. Vielen Dank! Für beides :) Grüße aus Dänemark!

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  3. danke für den lieben kommentar @moi und gaaanz herzlichen dank für diesen wunderbaren text hier!!!
    und jetzt guck ich mich noch´n bissl um :-)
    xxx

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