Wollarium

Wollarium

Thursday, August 4, 2016

Umgezogen

Das neue Studio ist nun schon seit ein paar Wochen bezogen, es ging auf einmal ganz schnell -  geradezu überstürzt. Das alte Studio mit der schönen blauen Tür, den Rosen und den Lavendelbüschen (zur Erinnerung: so sieht es immer noch aus, es ist nur nicht mehr meins ...)


war zu klein geworden, der neue, größere und  - ja, doch, es ist möglich - noch ein bisschen schönere Raum war noch gar nicht fertig. Das Haus ist alt, es muss immer ein Raum nach dem anderen renoviert und aufbereitet werden. Dann aber war das alte Studio neu vermietet, die neue Mieterin hatte die ersten Termine vergeben und musste einziehen -- und ich Hals über Kopf alles einpacken, ein paar Meter weiter und einige Stufen hinauftragen, in einen Raum, der zwar schon beziehbar war -- aber noch neue Fenster brauchte ...

Ich hätte es nicht geschafft, wenn nicht A. unermüdlich mitgeholfen hätte -- die sich eigentlich schonen sollte und mir vehement das schlechte Gewissen ausredete, das ich deswegen hatte -- und wenn L. nicht tatkräftig drei Tage lang mit angepackt hätte (danke an den Sohn!). Die Unterstützung war nicht nur wichtig, damit ich nicht jeden Weg mit jeder Kiste einzeln laufen musste, sondern auch zur Stärkung der Moral: Der Anblick all der vielen hundert Dinge, Kleinigkeiten, Kartons, Körbe und unförmigen Gegenstände, die nun einmal meine Werkstatt, mein Studio, mein Wollarium ausmachen, war in seiner bunten Fülle schon dazu angetan, mich verzagen zu lassen: Wie sollte ich das alles in drei Tagen von A nach B bewegen? Aber mit ein paar mehr Paar Händen ging es dann auf einmal ziemlich fix -- und es machte fast Spaß.

Das war im Mai.
Inzwischen sind schon die meisten Dinge an ihrem Platz, und deswegen hier ein paar Impressionen:




Wie auf dem ersten Bild sehr schön zu sehen ist, stimmt etwas mit den Fenstern noch nicht - da fehlt es an - genau: Glas. Und deswegen sieht es jetzt so aus:

Und hinter dem blickdichten grauen Folienvorhang erhebt sich das Gerüst -- das vielleicht zeigt, dass diese Fenster wirklich nicht ganz zierlich sind. Aber jetzt werden sie endlich, tatsächlich, erneuert .... morgen sollte das erste eingebaut werden.

Update folgt ....



Monday, March 7, 2016

Captains' Summit und Kultur - mit Etsy in München und danach

(Foto: Stefanie)

Am vergangenen Wochenende hatte ich die Ehre und das Vergnügen - und das meine ich genau so, wie es hier steht, sowohl Ehre als auch Vergnügen - am deutschen Etsy Captains' Summit in München teilzunehmen. Eine Ehre war es mir insofern, als ich mich zwar in einem der Teams engagiere (für alle Nicht-Etsyianer: so schließen sich Shop-Inhaberinnnen zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen, in welcher Hinsicht auch immer), aber kein 'Captain' bin und trotzdem teilnehmen durfte, und ein Vergnügen, weil es ein sehr konstruktives Wochenende war, bei dem ich viele engagierte und interessante Menschen traf, die ich vorher, wenn überhaupt, nur von Online-Begegnungen her kannte. Besonders gefreut hat es mich, endlich Johanna und Eva-Dewi (unbedingt hier schauen bei Nauli) vom Etsy Germany Street Team persönlich kennenzulernen, nachdem wir schon ewig lange online miteinander zu tun haben - und mein spezieller Dank gilt Stefanie vom Label Krambeutel, die so fantastisch organisiert ist, dass sie im Nullkommanichts Fotos vom Event zur Verfügung stellen konnte ... Chapeau!
Die Location lag hoch genug, um einen schönen Blick über die Dächer Münchens zu bieten (ich konnte sogar die Alpen sehen - yeah!) und hell und sonnig genug, um einen schönen Arbeitsrahmen zu bieten. Ein paar Eindrücke hier:
München. Zweifel unmöglich ... Foto: Stefanie
In der Pause draußen frische Luft tanken (war übrigens sehr kalte Luft ...) Links ich, rechts Johanna von Nauli. Foto: Stefanie



Aaaber - es geht noch weiter.
München also. Ich weiß nicht, wie oft ich hier schon war, ohne jemals mehr von der Stadt gesehen zu haben als den Bahnhof und irgendwelche Veranstaltungsorte. Diesmal habe ich kurz entschlossen noch einen Tag drangehängt. Den Montag nach dem Etsy-Wochenende. Was, wie sich zeigte, nur eine begrenzt geniale Idee war.

Meine Recherchen zum Thema: Wie nutze ich einen Tag in München am besten? hatten nämlich ergeben, dass es hier zur Zeit eine Ausstellung über Damenmode der 1930er Jahre gibt, mit dem schönen Titel: "Gretchen mag's mondän". Dummerweise gibt's die Ausstellung nicht an Montagen, da hat das Stadtmuseum geschlossen. Was sehr schade ist. Über Strickmode der 30er und 40er Jahre hatte ich im vergangenen Jahr auf Fanö einen Vortrag gehalten und hoffe, das in diesem Jahr in Inverness u. a. auch wieder tun zu können - das wäre also eine Ausstellung nach meinem Herzen gewesen. Aber falscher Wochentag - Mist.

Immerhin hatte -- wenn auch sonst fast nix - die Neue Pinakothek montags geöffnet. Und da ich sonst wirklich selten dazu komme, ganz müßig Kunst zu betrachten, bin ich da gleich hingestürmt. Nun gehöre ich nicht zu der Sorte Museumsgänger, die sich jeden ausgestellten Gegenstand mit derselben Gründlichkeit betrachten. Ich gehöre zu der Sorte, die in Paris in den Louvre geht, sich einige wenige Bereiche aussucht und sozusagen sehr punktuell guckt. Was mir unterwegs begegnet, gehört dann zu den Zufallstreffern und wird gern auch noch betrachtet. Wer schon mal im Louvre war, weiß, dass das immer noch genug ist, um schmerzende Füße zu verursachen und den Kopf mit viel zu vielen Eindrücken zu füllen.

Die Neue Pinakothek ist nun nicht ganz so groß, hat aber so viele beeindruckende Berühmtheiten zu bieten, dass ich beschlossen hatte, mir nur ein paar Lieblingsmaler anzusehen und die anderen nach Kräften zu ignorieren, um den Genuss nicht zu verwässern. Die Lieblingsstücke waren da - aber was soll ich sagen: mit Kunst ist das wohl so wie mit wirklich guter Literatur: bei jedem Betrachten lässt sich, auch im Abstand von vielen Jahren, immer Neues entdecken. So fand ich ein paar Gemälde, die ich überhaupt nicht auf meiner inneren Liste hatte. Aber die viele Beschäftigung mit Mode und Textilien hat wohl ihre Spuren in mehr als einer Hinsicht hinterlassen. Und so entdeckte ich ganz neue Aspekte in der Malerei.

Dieses Bild einer Büglerin zum Beispiel. Das Foto ist nicht ganz so gut, aber hat schon mal jemand versucht, Spitze zu malen? Auf dem Gemälde sieht der Stoff ganz leicht und fein und zart aus ... Fand ich absolut faszinierend.
Edgar Degas

Oder hier eine Näherin. Sieht gar nicht so viel anders aus als heute, wenn noch letzte Hand an irgendein Detail gelegt wird und das Licht schon wieder viel zu schlecht ist ...
Georg Friedrich Kersting
Diese Damen spinnen, und in ihrer Mitte habe ich sogar eine Strickerin gefunden (und die gibt's wirklich eher selten in der Kunst ...)
Francois-Joseph Navez

Einige sehr schöne Gewandstudien - oder vielmehr Malereien ....

Jacques-Louis David

Joseph Stieler

Wohingegen Goya - also, bei allem Respekt, aber Gewänder waren seine Sache nicht - ich habe selten so lieblos dargestellte Kleiderstoffe gesehen ... War ihm wohl nicht so wichtig. Fällt mir aber sofort auf.



Also alles in allem ein sehr gelungener Aufenthalt hier. Den Rest des Tages bin ich im Übrigen einfach durch die Stadt gelaufen. Zu sehen gibt's hier genug.
Achso - und statt der Ausstellung gab's dann für mich den Katalog. Nicht ganz dasselbe, aber doch ziemlich nah dran ....


Euch allen eine schöne Woche!



Sunday, January 31, 2016

Auf die Katze gekommen.

Nun ist schon der letzte Tag im Januar, und ich komme gar nicht hinterher mit allem, was so an allen Stellen passiert. Daher gehe ich mal chronologisch vor und fange mit erfreulichen Dingen an.
Ratebild des Tages: Was ist das?
Genau. Ein gerade angekommener Kater. 
Dieses Scheidungskind ist zunächst mal bei uns eingezogen, da die Tochter schon lange ein Kätzchen haben wollte und die Gelegenheit beim Schopfe griff, als bei Freunden nach einer Trennung das Haustier irgendwie übrig blieb. Das Wunsch-Kätzchen wurde damit ein ausgewachsener Kater, der zunächst noch nicht sicher zu sein schien, was er denn hier sollte. Neue Menschen, neues Haus ... das Bild gibt die Gesamtsituation recht treffend wieder.
Inzwischen hat er die Wohnung aber adoptiert. 
Das Sofa vor allem. Einer seiner Lieblingsplätze ist abends im dunklen Badezimmer direkt hinter der Tür. Da, wo jeder als erstes seine Fuß hinsetzen würde, wenn er die Tür aufmacht. Aber natürlich treten wir jetzt nur noch vorsichtig auf, wir sind ja gut erzogen. Tagsüber bevorzugt er die Fensterbank. Katzen-TV, Doku-Format. Aber die Vögel sind vor ihm sicher, er ist ein Hauskater. Aber immerhin - kürzlich konnten wir klären, dass er zwar nur wenige Wochen brauchte, um uns alle domestiziert zu haben, aber er ist noch nicht Chef.
 Wie wir das herausgefunden haben? Wir hatten leichtsinnigerweise beim Heimkommen nicht schnell genug die Tür geschlossen. Der erste Abend ohne Schnee. Der erste milde Abend. Der Kater sah seine Chance, flitzte zwischen unseren Füßen hindurch nach draußen und verschwand in der Nacht. Groß war die Bestürzung. 
Er kennt doch die Gegend gar nicht. 
Er weiß doch gar nicht, wo er wohnt. 
Er ist doch erst so kurz hier.
Nun, er wusste durchaus, wo er wohnte. Während der Stunde, in der sämtliche Erwachsenen des Haushalts ausschwärmten, um ihn zu suchen, je nach Temperament besorgt, verstimmt oder verzweifelt, kam er zweimal bei mir vorbei, die ich an der Tür stand und wartete, vergewisserte sich aus einigen Metern Entfernung, dass wir ihm noch ein warmes Plätzchen bereithielten, und verschwand wieder in der Nacht, schnell wie der Blitz. 
Beim zweiten Mal sah ihn die Tochter. Lass ihn, sagte ich, der kommt von selbst zurück, offenbar findet er den Weg. Kommt gar nicht in Frage, erklärte die Tochter, wischte sich die Tränen ab, setzte ein Kampfgesicht auf  und ging in die Richtung, in der der Kater verschwunden war, hinein in die Finsternis. Es dauerte eine Weile, aber dann kehrte sie mit dem Kater auf dem Arm zurück. Beide schmutzig und zerkratzt, Die Tochter zeigte noch immer eine Miene finsterer Entschlossenheit, der Kater aber hing auf ihrem Arm, und ich könnte schwören, er hat zutiefst resigniert ausgesehen. Ein Punkt für sie, keiner für ihn.
Danach hat er sich zwei Tage lang abwechselnd geputzt und ausgeruht. 
Leben mit Kater, Teil I.
Ach ja - gearbeitet haben wir auch. In der Werkstatt, katerlos. Zum Glück. Das Problem ist nicht das klassische Wollknäuel, da ist der Katzenmann ganz entspannt. Aber die Stricknadeln .... Also, Bilder aus der katzenfreien Zone. Im Schnee ...
Alle Stricksachen von mir.

Und ja, es war kalt. Alle Bilder wurden am selben Tag gemacht. Wer genau hinsieht, kann auf dem Bild mit dem grünen Pulli rechts auch noch Schnee sehen. Und ja, das Model hat gefroren ....



Sunday, December 20, 2015

Von drauß', vom Walde ... bring ich die 60er zurück

Das Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen, liegt doch meine Werkstatt am Stadtrand von Berlin in einem Ort, der auf -walde endet.
Ja, es weihnachtet, auch bei mir, und wenn auch die Arbeit bis knapp vor die Feiertage reichen wird - weswegen es auch kein Update für mein Shetland-Strick-Projekt gibt, da geht's erst im Januar wieder weiter, für derartiges Spaß-Stricken hab ich im Moment noch keine Zeit - hatte ich mir doch vorgenommen, die Zeit für einen Weihnachts-Blogeintrag zu finden. Dazu hatte ich mich meinem Fundus an alten Zeitschriften zugewandt mit dem Vorsatz, eine Art 'Best of' verschiedener Weihnachtsausgaben zusammenzustellen. Denn dass Weihnachten in den Medien und Supermärkten immer früher anfängt und immer mehr von Konsum geprägt ist, ist vielleicht nur ein Vorurteil - auch in den 60er und 70er Jahren waren schon die November-Ausgaben der einschlägigen Frauen- und Modemagazine voll von Tipps, wie das Fest der Feste noch schöner, größer und bunter werden könnte.
Um es kurz zu machen: Die Zusammenstellung der schönsten Tipps aus verschiedenen Jahrzehnten wird es jetzt nicht geben. Ich bin nämlich schon an einer der ersten Weihnachtsausgaben hängengeblieben, die ich mir angesehen habe - so viele interessante Artikel und Informationen, dass ich beschlossen habe, mich auf ein Heft zu beschränken:


Die 'Für Sie' vom 21. November 1967

Zahlreiche Geschenkvorschläge, Basteltipps - erstaunlich, dass sich da im Grunde gar nicht viel geändert hat in den letzten ungefähr 50 Jahren. Was schenken wir Freunden oder Familie, können wir irgendwas selber machen  - vielleicht sogar mit den Kindern? Und natürlich die obligatorischen Seiten mit mehr oder weniger schicker Kleidung ... das Faszinierende ist: vieles davon könnte genau so heute auch wieder vorgeschlagen werden, ohne dass jemand den Unterschied bemerkt. Also, kaum jemand. Kaum einen Unterschied ... oder? Nehmen wir mal diese Geschenkideen:
Die bunten Aufbewahr-Köpfe oben links sind doch niedlich, oder? Und die Pfeffermühlen unten ....

Und hier ein paar Tipps zum Selbermachen
Und so farbenfrohe Dingser, gefaltet aus Papier oder Pappe, die könnten heute glatt so weitergereicht werden ....

Faltlampen auch noch - fantastisch ...


Der gedeckte Tisch wirkt immer noch einladend. Etwas bunt vielleicht und ein bisschen üppig in der Landhausromantik, aber sonst ... das hat was.



















Und dann  natürlich noch die Modetipps für die Festtage - es gab sie also wirklich zum Kaufen, Tragen, Anziehen - die quietschbunte Mode mit den psychedelischen Designs, wie sie vor allem aus Italien kamen - Pucci, Missoni - hier in der erschwinglicheren Variante. Oben bitte vor allem die Strumpfhosen (damals noch was Superneues) mit dem dazu passenden Oberteil in bunt gemustert - leider nur auf einem Schwarzweißbild. Unten dann ein ähnlicher Stil in voller üppiger Farbenpracht:
Interessant finde ich immer beim Stöbern in alten Zeitschriften, dass vieles von dem, was auch heute noch interessant gefunden wird, gesammelt und gesucht, oft auch früher schon relativ teuer war, wie diese Uhr hier zum Beispiel:


Mit einem Preis von 79 DM scheint mir dieses Würfelmodell für die damaligen Verhältnisse nicht ganz billig gewesen zu sein - dafür würde es auch heute noch jedes Sammlerherz ansprechen.

Und zum Schluss noch eines meiner persönlichen Lieblings-Dingser: Wandtellerchen, funktionslos, aber ich liebe diese Zeichnungen:
Und ich meine die Bildchen links, nicht die Raucheruntensilien in stilvollem Schwarz/Weiß, die damals überall noch zum guten Ton und zur Standardausstattung gehörten.

So viel für heute zum Einblick in das Weihnachtsfest von 1967. Euch allen einen frohen 4. Advent!

Sunday, November 22, 2015

Novemberstimmung ... und ja, auch Leben, Sterben und Tod. Im Kleinen ...

Heute mal ein Exkurs aus gegebenem Anlass, und weil sich das Große ja immer im Kleinen findet und umgekehrt.

Worum geht's?

Nach Hund und Katz' sind wir vor Jahren aufs Schwein gekommen. Aufs Meerschwein nämlich. Und wer meint, dass sich der Unterhaltungswert dieser Tiere im Vergleich zu größeren Vierbeinern doch in Grenzen hält, der hatte vermutlich noch nie welche.

Die ersten Meerschweinchen, die bei uns einzogen, waren zwei Brüder, Wurfgeschwister, was, wie wir später feststellten, wohl nicht das gleiche ist. Diese beiden nämlich waren stets unzertrennlich, und der eine ging prinzipiell niemals irgendwohin, wo nicht auch der andere hinging. Sobald der eine aus welchem Grund auch immer aus dem Käfig genommen wurde, riefen die beiden so lange nach einander, bis der Entführte zurückgebracht oder der andere, um des lieben Friedens und der Schonung der Ohren willen, nachgeholt wurde. Wenn die beiden einmal mit einem der Kinder draußen auf der Wiese waren, dann liefen sie stets Nas-an-Bürz, in gebührendem Abstand natürlich, so dass mindestens zwei Gänseblümchen und ein kleiner Wald satter Halme dazwischen passte. Man war schließlich zum Essen gekommen. Aber immer hübsch in Riech- Hör- oder Sichtweite bleiben, denn sollte ein drohender Schatten von oben auf sie fallen, konnten sie sich wenigstens rechtzeitig zusammendrängen. Vermutlich, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Oder was immer sich ein Meerschwein so denkt.

Zum Tierarzt mussten auch immer beide gemeinsam, selbst wenn nur einer krank war. ("Und was fehlt dem anderen?" "Nichts, der kam nur zur Begleitung mit ...") Und beim Tierarzt waren wir fortan öfter, denn wie sich zeigte, hatte einer der beiden häufig Schnupfen, was daran lag, dass er einen Herzfehler hatte. Wir hatten ein Meerschweinchen mit Herzfehler, man stelle sich das bitte einmal plastisch vor. Aber wir lernten ständig dazu.

Ein Schwein mit Herz

Damit er zumindest noch eine Weile bei seinem Bruder bleiben konnte, bekam der Kleine von nun an einmal am Tag eine meerschweinangepasste Dosis eines Kinderherzmittels, mit der Pipette. Jeden Abend, ein fest in den Tagesplan integriertes Ritual. Und dabei passierte, was immer passiert, wenn Lebewesen viel Aufmerksamkeit bekommen: dieser kleine Herzpatient wurde das zutraulichste und handzahmste Haustier, das wir je hatten. Hund und Katze eingeschlossen. Als das Herz mit den (nicht sehr vielen) Jahren dann doch allmählich zu versagen begann, kehrten die Infekte zurück, und dann wurden Nase und Schnäuzchen auch noch regelmäßig sanft mit Kamillentee gereinigt. Allabendlich. Und ich könnte schwören, dass er das genossen hat, auch wenn es heißt, dass Meerschweinchen eigentlich keine Streicheltiere sind. Zweifellos aber sind sie Tiere, die gern unterhalten werden. Notfalls wohl auch von Menschen. Unerwarteterweise starb der eigentlich gesunde Bruder noch vor dem kleinen Herzpatienten, an einem Infekt. So ist das manchmal.

Da Meerschweinchen ja nun mal nicht gern allein leben, kam als nächstes ein kleines braunes Meerschweinkind dazu. Leider fühlte er sich seinem neuen Zuhause noch bei weitem nicht so verbunden wie die beiden Brüder vor ihm, so dass er in einem unbedachten Augenblick den liebevollen Händen der Kinder entschwand und in die Brache auf dem Nachbargrundstück floh. Ein mausgroßes Meerschweinkind in Naturbraun, das auf einer unbebauten Wiese unterwegs war - sobald es unter das nächste Blatt gerannt war, blieb es für immer verschwunden. Zwar fanden wir das kleine Schwein nie wieder, dafür lernten wir an diesem Tag sämtliche Nachbarn kennen, die sich an unserer Suchaktion beteiligten, und so erfuhren wir, dass auf diesem Stück Brachland schon ganze Generationen von Tieren verschollen waren - Kaninchen, Meerschweinchen - und dass auch mal eine aus dem Ruder gelaufene Mäusezucht hier die Freiheit fand. Mittlerweile ist die Brache bebaut, mit Wohnblöcken, die Einwohnerzahl dürfte der einer mittleren Kleinstadt entsprechen. Keiner von ihnen wird wohl je erfahren, welche Dramen sich dort schon abgespielt haben. Begraben vom Lauf der Zeit. So schnell geht das.

Next Generation


Nun wohnen hier noch drei Meerschweinmänner. Einer davon ist inzwischen acht Jahre alt, ein wahrhaft stolzes Alter für einen Nager. Wir hatten den alten Mann schon ein paarmal aufgegeben, als er aufhörte zu essen und immer schwächer wurde. Eine kritische Musterung der Gesamtsituation zeigte aber, dass das an den Zähnen lag. Die mussten nun ab und an mit wenig Aufwand gestutzt werden, und jedes Mal danach warf sich der alte Mann mit ungebremsten Appetit wieder auf Sellerie, Karotten oder Gurken, die allerdings mit dem Sparschäler in Streifen geschnitten werden mussten. Wir hatten nämlich gelernt, dass Nager ihre Nagezähne gar nicht unbedingt brauchen, wenn sie ihr Futter seitlich über die Backenzähne essen können. So machte der Sohn allabendlich Gurkenpommes und ich Möhrenspaghetti. Oder was gerade da war. Und der alte Mann sauste durch sein Gehege wie eh und je. Chef einer Gruppe, die wohl nur in seinem Kopf existierte.

Vor kurzem dann wurde er langsamer, und eines morgens konnte er die Hinterbeine kaum noch bewegen. Die Vorderbeine haben inzwischen auch keine Kraft mehr, also liegt er im Wesentlichen den ganzen Tag auf demselben Platz. Aber das Essen interessiert ihn immer noch. Er hebt den Kopf, wenn jemand vorbeikommt, und schiebt und windet sich, wenn nötig, auch noch ein paar Zentimeter, um die frischesten Heuhalme zu erwischen. Da er nicht mehr läuft, muss er regelmäßig auf frische Streu gesetzt werden, damit er nicht im Nassen liegt. Also alle paar Stunden umbetten, ein Heunest um ihn herum bauen, damit er nicht in eine Position fällt, aus der er sich nicht befreien kann, und regelmäßig frisches Futter, in kleinen Portionen. Denn wenn der erste Hunger gestillt ist, schläft er gern wieder ein. Wie ein alter Mensch.

Über Leben und Sterben ...


Und nun? Der alte Mann hat an Gewicht verloren, ist nur noch Haut und Knochen und Haare. Irgendwann wird er vermutlich Druckstellen bekommen, wenn er sich nicht bewegt. Das Wort vom Einschläfern steht im Raum. Da bleibt es im Moment noch stehen. Wie entscheide ich, wann jemand nicht mehr leben will, der mir das nicht sagen kann?

Mit Blick auf das große ganze Weltgeschehen erscheint das Leben eines Meerschweins banal, aber mir fiel dabei tatsächlich die Debatte um Sterbehilfe ein, die in den Medien diskutiert wird und die wir hier auch immer mal wieder führen. Leben, Sterben und Tod?

Meine Mutter hatte Krebs, über einen so langen Zeitraum, dass wir uns alle daran gewöhnten, dass er da war und sich eigentlich wenig bemerkbar machte. Als ihr Sterben begann, kam es überraschend, und es ging ziemlich schnell. Irgendwann kam der Tag, an dem sie nicht mehr aß, nicht mehr trank und nicht mehr reagierte. Die letzte Phase des Lebens vor dem Tod, im Bett in ihrem Zuhause. Sie würde nie mehr mit uns sprechen, uns nicht einmal ansehen. Das allein war schwer zu ertragen. Aber es war unübersehbar, dass sie noch Schmerzen hatte. Das war sinnlos und unnötig, und es mitanzusehen war eine Qual. Die unmögliche Hausärztin, die meine Eltern hatten, kümmerte sich nicht, der Arzt, der Notdienst hatte, konnte aufgrund des Datums, der Uhrzeit und der Witterung nicht zeitnah kommen. Also führte ich mit ihm ein langes Telefonat, in dem er mir Anweisungen gab, wie ich die Medikamente meiner Mutter dosieren müsste, damit sie keine Schmerzen mehr hatte. Und er fragte mich, ob ich wüsste, was ich tun würde. Ja, das wusste ich. Sie würde nicht mehr aufwachen. Aber das würde sie auch ohne Morphium nicht mehr. Die Wirkung setzte schnell ein, und ich telefonierte in dieser Nacht noch öfter mit dem Arzt, der gut zehn Kilometer weit weg ebenso im Schnee steckte wie wir. Stunden später starb meine Mutter, ganz ruhig und offensichtlich schmerzfrei.

Der Weg vom Leben zum Tod, um mal etwas pathetisch zu verkürzen, ist zweifellos nicht immer einfach, nicht, wenn man krank ist, und nicht, wenn man alt ist. Aber wie erkenne ich, dass er definitiv zu Ende geht? Ich finde das schwierig. Es ist noch ziemlich früh heute. Der Meerschweinmann reckte sich mir, als ich eben an ihm vorbeiging, wieder aufmerksam entgegen und erwartete offenbar sein morgendliches Gemüsebuffet. Ich gehe also jetzt Gurken raspeln und ein frisches Heubett richten. Mal sehen, wie es morgen ist, wie es ihm morgen geht. Morgen sehen wir weiter.

Gerade fällt mir auf, dass heute nicht nur ein grauer Novembertag ist, sondern auch noch Totensonntag. Reiner Zufall, dass sich das mit der Pflegebedürftigkeit des Meerschweinmannes trifft. Habt einen schönen Tag!






Wednesday, November 11, 2015

Neues Strickprojekt: Die Shetlandjacke

Erwähnte ich, dass ich Shetlandgarne liebe und immer mal wieder eines davon in meinen Garnfundus getragen habe? Wobei 'eines' immer eine ganze Kone voll bedeutet, mit Knäulen fange ich bei Garn gar nicht erst an. Und erwähnte ich außerdem, dass ich vom Strikkefestival in Dänemark zwar nichts gekauft, aber ungefähr hundert neue Ideen und Anregungen mitgebracht habe? 

Vor allem die skandinavischen Designerinnen haben es mir angetan, die klassische Muster und Techniken so schön mit neuen und ganz unklassischen Farben, Materialien und Kombinationen verbinden. Ich habe sogar erwogen, mir so ein Stück fertig zu kaufen. Aber ich muss gestehen, als passionierte Strickerin fällt es mir schwer, eine ausgefallene Jacke oder ein Tuch fertig zu kaufen und es nicht selbst zu machen. Aber die Traumteile von Christel Seyfarth oder von Oleana, die es mir angetan haben, sind so fein gearbeitet, dass dafür eigentlich nur die Arbeit an der Strickmaschine in Frage kam. Nun haben die Strickmaschine und ich zwar inzwischen eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung, meine Freizeit möchte ich, ohne ihr zu nahe treten zu wollen, aber nicht gern mit ihr verbringen. Und mir selbst eine Jacke zu stricken, das wäre reine Freizeit. Und so kam ich darauf, die Jacke meiner Vorstellung mit der Hand zu stricken. Und geboren war damit die Idee zu meinem aktuellen Strickprojekt: die Shetlandjacke.

Was heißt aktuell? Diese Jacke wird mich noch Weihnachten, Silvester und vermutlich auch Ostern noch beschäftigen. So, wie ich mir das Modell denke, dürfte das Stricken eine ganze Weile dauern, aber egal -- immerhin habe ich dann (hoffentlich ...) am Ende das Stück, das ich haben möchte, und ich muss gestehen: die Herausforderung fand ich auch reizvoll. Um es kurz zu machen: Ungefähr so soll die Jacke aussehen, die ich gern haben möchte.
Die Zeichnung sieht vor allem deshalb etwas unfertig aus, weil ich mir noch nicht an jeder Stelle ganz sicher bin, wie sie sich im Detail gestalten soll - ich habe deshalb erstmal mit dem angefangen, was ich schon weiß.
Die Jacke wird relativ lang, der Teil unterhalb der Taille leicht ausgestellt und quer gestrickt in verschiedenen Mustern. Der Grundton ist einfarbig, mit zwei verschiedenen Grüntönen als Trennlinien zwischen den verschiedenen Mustersätzen. Das nach unten hin leicht Ausgestellte wird durch verkürzte Reihen erreicht.


Die Taille bekommt Halt und wird betont durch ein breites Bund in einem dunkleren Ton mit Einstrickmustern in verschiedenen Rost- und Orangetönen, die Farben des unteren Teils werden dabei wieder aufgenommen.
Hals und Ärmelbündchen werden doppelt gearbeitet, in einem noch etwas helleren Garn, wobei die Außenseite ein kleines Einstrickmuster aufweist, das die Farben der Jacke wiederholt.
Wie ich das Oberteil und die Ärmel mache, weiß ich, ehrlich gesagt, noch nicht genau. Eine Idee habe ich schon, aber davon gibt es noch keine Musterprobe.

Aufmerksame Beobachterinnen haben sicher bemerkt, dass meine innige Liebe zu Einstrickmustern nicht so weit geht, dass ich sie flächendeckend verstricken möchte. Daher habe ich mich darauf beschränkt, sie hier und da als Effekt einzusetzen. Wie ich schon vielfach erwähnte: ich liebe diese Muster, aber ich stricke sie nicht gern. Dieser sparsame Einsatz kommt mir daher sehr entgegen. Bei so vielen verschiedenen Farben und Mustern ist es natürlich wichtig, die einzelnen Elemente immer mal wieder aufzugreifen, daher wird auch das Oberteil sich irgendwie so einfügen, dass es harmonisch den unteren Teil mit den Blenden an Hals und Handgelenken verbindet. Damit habe ich noch nicht angefangen.

Das macht aber auch nichts, denn bei dieser Jacke habe ich Zeit. Viel Zeit: Der untere Teil wird mit Nadelstärke 2 gestrickt, das Taillenbündchen mit Nadelstärke 1,5. Auch das ist ungewöhnlich für mich, denn bisher habe ich mich bei Nadelstärke 3,5 als meine Lieblingsstärke eingependelt. Aber damit würde ich leider nicht den feinen Effekt erreichen, den ich gern hätte. Es wird also noch dauern mit der Jacke. Fortsetzung folgt :)

Sunday, November 1, 2015

Getrödelt - Gefunden - Gefreut: Flüchtlingskinder. Erziehungsratgeber von damals.

Vor kurzem habe ich beim großen Auktionshaus ein kleines Bündel Bücher - oder besser: Büchlein erstanden, für den üblichen Euro plus Porto. Ein kleines Buch über gestrickte Kinderkleidung ist dabei, bei den anderen handelt es sich um Ratgeber zur Kindererziehung von den frühen 50ern bis in die späten Sechziger Jahre.

So etwas hatte ich noch nicht in meiner kleinen Bibliothek, und für ein abgerundeteres Bild der Kulturgeschichte der Nachkriegszeit schien mir das eine interessante Ergänzung zu sein. Eines dieser Büchlein möchte ich heute bei Getrödelt-Gefunden-Gefreut vorstellen, es hat den Titel: "Flüchtlingskinder" und ist aus dem Jahr 1951.
Dieses Heft sprang mir sozusagen sofort ins Auge. Einmal natürlich, weil der Begriff "Flüchtling" heute wohl wieder ähnlich häufig verwendet ist, wie er es damals war, und auch deswegen, weil - ich erwähnte es schon in früheren Posts - auch meine Eltern Flüchtlingskinder waren, genau wie ihre Geschwister, die später meine Onkel und Tanten wurden. Was einmal mehr zeigt, dass die Geschichte ein großer, weiter Ozean ist, in dem alles früher oder später wieder an der Oberfläche auftaucht.

Mich hat interessiert, welche pädagogischen Erkenntnisse es in der Nachkriegszeit gab über Flüchtlingskinder, und welche Tipps und Ratschläge, wie am besten mit ihnen umzugehen, wie ihnen beizustehen ist. Und ob wir daraus Erkenntnisse auch für die heutige Zeit gewinnen können. Das Inhaltsverzeichnis gibt einen ersten Aufschluss:

Um es kurz zu machen: 

Vom heutigen Standpunkt pädagogischen Allgemeinwissens aus betrachtet, bietet das Büchlein nicht viel. Es wird anhand von Beispielen gezeigt, welchen Einfluss die Flucht, der Verlust der vertrauten Umgebung, nicht nur auf das Kind, sondern auch auf die Strukturen innerhalb der Familie haben kann. Und es wird geschildert, wie unterschiedlich Kinder darauf reagieren können, je nach Persönlichkeit, nach Alter, und natürlich nach dem, was sie erlebt haben.
Mir scheint, dass es der Verfasserin in erster Linie darum ging, überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen für die besondere Situation der Kinder in den Jahren nach dem Krieg. Die Anleitungen zur Hilfe und Unterstützung gehen über sehr einfache Leitsätze nicht wesentlich hinaus.

Leitsatz 3: "Wir müssen diesen Kindern Hilfen geben, daß sie mit ihren Schwierigkeiten fertig werden. Dann stören sie unsere Welt nicht, sondern bereichern sie." 

Schlichte grundsätzliche Erklärungen wie diese waren offenbar nötig. Aber immerhin, es wurde versucht, die Kinder der Nachkriegszeit als eigene Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Sorgen, Nöten und Problemen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Zumindest theoretisch. Auf individuelle psychologische und pädagogische Betreuung lässt das noch nicht schließen. Und bis in den letzten Winkel der westdeutschen Nachkriegsrepublik sprachen sich  diese Erkenntnisse wohl seinerzeit nur langsam herum. Mein Vater jedenfalls, der zweifellos ein offener Mensch mit viel Sinn für die heiteren Dinge des Lebens war, hatte aus seiner Schulzeit als Flüchtlingskind in der Nachkriegszeit eher dunkle Erinnerungen.

Das ist alles sehr lange her, und die Pädagogik und kinderpsychologische Schulung vor allem der Erzieher, Lehrer und anderen Verantwortlichen hat sich seit den 50er Jahren mit großen Schritten weiterentwickelt. Trotzdem, meine ich, haben diese zehn Leitsätze immer noch eine gewisse Gültigkeit. Lassen wir die etwas altmodische und teilweise auch pathetisch anmutende Ausdrucksweise mal beiseite, dann klingt, was hier steht, gar nicht mehr so falsch:

Leitsatz 4: "Das Vertrauen des (...) Kindes in die Welt und die Menschen ist erschüttert worden. Durch die Art, wie wir ihm begegnen, arbeiten wir wiederherstellend oder tiefer zerstörend an seinem Bild des Menschen."


Das ist eine schlichte Weisheit. Aber der Grundgedanke ist völlig richtig. Schon eigenartig, dass es nach so vielen Jahren wieder darum geht, zu akzeptieren, zu integrieren, zu fördern, zu unterstützen und zu helfen. Das mag nicht immer einfach sein, aber es ist so wichtig.

Mein Vater übrigens hätte heute, am 1. November, Geburtstag gehabt. Dass ich ausgerechnet heute dieses Heft vorstelle, hat sich zufällig so gefügt. Aber es freut mich, weil es wirklich gut zusammenpasst.

In diesem Sinne: einen schönen Sonntag Euch allen!